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Thomas Mann im Tonfilm : Der audiovisuelle Urknall unserer Literatur

Bild: F.A.Z., Bundesarchiv

Archivgut 20520: Unter dieser Signatur findet sich zwischen den Aufnahmen im Bundesarchiv der erste, einzige und bisher unbekannte Tonfilm eines deutschen Dichters vor 1933. Es ist, nahezu naturgemäß, Thomas Mann.

          Er ist sichtlich und spürbar nervös, denn auch für einen im Umgang mit den Zeitungen und den frühen Radiostationen längst erfahrenen Medienprofi wie Thomas Mann ist dies eine völlig neue Situation: Am 22. Januar 1929, einem Dienstag, kommt er zum ersten Mal in ein Tonfilmstudio, das seinerseits zu den allerersten in Deutschland zählt. Am Vorabend hatte er in der Preußischen Akademie der Künste bei der Feier zum zweihundertsten Geburtstag des Erz-Aufklärers Gotthold Ephraim Lessing die Festrede gehalten.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun sitzt er im dunklen Anzug mit Weste, im weißen Hemd, mit einfarbiger Krawatte und einem blütenweißen Einstecktuch in der Brusttasche seines Sakkos auf einem Stuhl, dessen hintere Holme über seiner Schulter wie zwei kleine Türme aufragen. Die Kamera läuft bereits. Mit einem unsichtbaren Gegenüber spricht der Studiogast noch einige nicht zu verstehende Worte, dann wird zum bewegten Bild der Ton geschaltet: Dreieinhalb Minuten lang zelebriert Thomas Mann von jetzt an „Worte zum Gedächtnis Lessings“.

          Ein singulärer Augenblick und – wie es sich bei diesem Hauptdarsteller geziemt – zugleich eine Art ziviler, gesitteter, ja vornehmer Urknall: Die deutsche Literatur tritt dem gerade beginnenden audiovisuellen Zeitalter bei. Wer, wenn nicht er, wer, wenn nicht der Autor von „Buddenbrooks“, „Tod in Venedig“ und „Zauberberg“, wer, wenn nicht der mit der Rede „Von deutscher Republik“ (1922) zum Repräsentanten der Demokratie und ihrer Kultur gewordene Thomas Mann sollte diesen Beitritt vollziehen?

          Eine bis heute unschätzbare Quelle

          Es ist unbekannt, ob die Zeitgenossen Gelegenheit hatten, das einzigartige Dokument, das daraus hervorging, je zu sehen und zu hören – es ist sogar sehr unwahrscheinlich, dass dies geschah: Zeugnisse einer öffentlichen Wirkung gibt es nicht. Es ist überdies nur mutmaßlich festzustellen, wo und wie die erste und einzige Tonfilm-Sequenz eines deutschen Schriftstellers der Weimarer Republik den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg überstand.

          Dass es diesen Studiobesuch und diese Aufnahme gegeben haben musste, konnte der Rundfunkhistoriker und Exilforscher Ernst Loewy zu Anfang der siebziger Jahre immerhin rekonstruieren. Sein Verzeichnis „Thomas Mann: Ton- und Filmaufnahmen“, eine bis heute unschätzbare Quelle, erschien 1974 bei S. Fischer als Ergänzung zur damaligen Werkausgabe in dreizehn Bänden. Offen lassen allerdings musste Loewy die Frage, ob das Rarissimum überhaupt noch existiere und wo es sich gegebenenfalls befinde.

          Im Westen Deutschlands völlig unbemerkt, sendete das Fernsehen der DDR dann am 3. Juni 1975, drei Tage vor Thomas Manns hundertstem Geburts- und wenige Wochen vor dem zwanzigsten Todestag, eine knapp einstündige Dichter-Dokumentation unter dem Titel „Klug zu sorgen, was vonnöten auf Erden“ – einzusehen ist sie im Potsdamer Zweig des Deutschen Rundfunkarchivs.

          In einer DDR-Doku wurden Teile des Materials verwendet

          In dieser Dokumentation findet sich ein etwas mehr als sechzig Sekunden währender Ausschnitt aus der Studioproduktion von 1929 – allerdings führt der Abspann nicht aus, um was für ein Material es sich dabei handelt und wie es vor vierzig Jahren in die Hände des renommierten, 1999 gestorbenen DDR-Dokumentaristen und Regisseurs Fritz Gebhardt gelangt war.

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