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Neues Buch von E.L. James : Zum Glück ist sie volljährig

  • -Aktualisiert am

Autorin E.L. James bei einer Signierstunde im Jahr 2012 Bild: AP

Der neue Roman von E.L. James dominiert die Bestsellerliste. Kann sie „Fifty Shades of Grey“ toppen? Schmerz spielt bei der Lektüre von „The Mister“ jedenfalls auch eine Rolle.

          Der Autor sollte dem Leser ins Hirn gucken können, nicht umgekehrt. Deshalb ist die Lektüre des aktuellen Romans von E.L. James etwas schmerzhaft, und es handelt sich nicht um den verlockenden Schmerz, den sie in „Fifty Shades of Grey“ besungen hat. Der Erfolg jener Romanreihe hat sie offenbar gelehrt, dass viele Menschen Asymmetrie ungemein erotisch finden: Der reiche Geschäftsmann mit Sadomaso-Kink und die schüchterne Studentin, das funktionierte schon ganz gut.

          Aber es ließ sich natürlich noch weiter treiben, und an dieser Stelle setzt der Blick in E.L. James’ Hirn ein, wo genau das bis hin zur Selbstparodie geschehen ist: In „The Mister“ ist der Typ nicht nur ein schwerreicher Schwerenöter, sondern überaus adelig und auch noch Brite (der Brite ist fürs amerikanische Publikum das, was die Französin fürs deutsche ist). Und die Frau? Malen Sie sich aus, was Ihnen einfällt – das können Sie alles dann der Reihe nach abhaken. Sie kommt aus der albanischen Provinz, ist geflohen vor einer Zwangsheirat, fiel Menschenhändlern in die Hände, besitzt nur zwei Paar Socken und eine Jeans und arbeitet als Putzfrau. Sie ist völlig verstört, illegal im Land und wird von Gangstern verfolgt. „Ich habe alles, und sie hat nichts“, denkt der Mister sich da und verliebt sich natürlich, Beschützerinstinkt und so, nachdem er erleichtert festgestellt hat, dass sie volljährig ist, obwohl sie jünger aussieht. (Ähem.)

          Der komplette Mittelteil des Buches reiht eine Sexszene an die andere, und vielleicht hat der Verlag gar nicht sechs Übersetzerinnen dafür engagiert, weil es schnell gehen musste, sondern um das Joch der „sie genießt die Lust, die er in ihr entfacht“-Sätze auf mehr Schultern verteilen zu können. Einer der Übersetzerinnen ist es übrigens zu verdanken, dass das Wort „Cyberwelt“ ganz unironisch auch 2019 noch in einer Neuerscheinung auftaucht. Hoffentlich ist auch die Verfilmung schon in der Mache, die wird die Schlussszene nämlich als das zeigen, was sie wirklich ist: reiner Slapstick, bestes Komödienmaterial, aber sicher nicht romantisch. Beim Showdown in ihrem erzkonservativen Elternhaus in Albanien sind jede Menge Waffen und Geschrei im Spiel, aber es fehlen ein paar Übergänge und Stimmungswechsel. Es erinnert an den Schluss von „Turandot“, wo die böse Prinzessin urplötzlich verliebt dem Helden in die Arme sinkt – allerdings schaffte Puccini die Ausgestaltung einfach nicht mehr vor seinem Tod, und E.L. James erfreut sich dem Vernehmen nach bester Gesundheit. Aber sie hat ihre Zeit optimal eingesetzt: Für Platz eins der Bestsellerliste hat es auch so gereicht.

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