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Textschätze im Netz : Interaktiv sind Bücher schon lange

Da steht’s zum ersten Mal: Marcel Proust findet die Titel für seinen Roman und dessen ersten Teil. Bild: Fondation Martin Bodmer, Cologny (Genève)

Papier gegen Digital einmal anders, nämlich im Zusammenspiel und quer durch einige Jahrhunderte: Die Fondation Martin Bodmer präsentiert „Leser am Werk“ – in einer Ausstellung und im Netz.

          Ausstellungen in Literaturarchiven und Bibliotheken haben an sich, dass man sich eigentlich abseits ihres Besuchs mit einem Katalog oft schon recht gut versorgt fühlt. So denn in diesem Katalog die ausgestellten Stücke – Manuskripte, Bücher, Fahnen, Briefe und so fort – wiedergegeben, vielleicht transkribiert und erläutert sind. Er ist dann in der Regel die sehr viel bequemere Variante, sich mit den Objekten auseinanderzusetzen, als diese über Vitrinen gebeugt zu betrachten.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Freilich fällt der Reiz der materiellen Präsenz dabei weg, verschwinden auch weitgehend Volumen, Formate und haptische Qualitäten -, aber dafür fällt die Lektüre leichter, der Texte selbst wie der Erläuterungen zu ihnen. Und wie viele Realien auch sonst noch aufgeboten sein mögen: Um Texte drehen sich solche Ausstellungen nun einmal.

          Die digitale Ergänzung

          Allerdings gibt es neben Katalog und Vitrine mittlerweile ja auch einige andere, nämlich elektronische Möglichkeiten. Die Ausstellung in der Fondation Martin Bodmer im schweizerischen Cologny, „Der Leser am Werk“, führt schön vor Augen, wie sie sich nutzen lassen. Zum einen vor den Vitrinen selbst, in denen die Manuskripte, Druckfahnen, Bücher und Buchobjekte zu betrachten sind, Zimelien aus den Beständen der eigenen Sammlung ergänzt um solche aus der Genfer Universitätsbibliothek. Der Besucher kann sich an den Stücken selbst erfreuen und gleichzeitig – dank Tabletcomputer und holographischen Projektionen – ins Blickfeld holen, was sonst nur ein Katalog beisteuert.

          Korrerspondierende Farben: Sonja Delaunay setzt Blaise Cendrars „La Prose du Transsibérien“ in Szene, 1913.

          Hinzu kommt aber noch eine Präsentation im Netz. Kein kleiner virtueller Rundgang, wie er sich da und dort schon eingebürgert hat, sondern eine vollständige Darstellung, die überdies mit den Möglichkeiten des Mediums sehr gut umzugehen weiß. Reizvoll ist diese vom Laboratoire d’humanités digitales der Technischen Hochschule Lausanne entwickelte Darstellung auch deshalb, weil sie auf überzeugende Weise eine Facette des Themas fortführt, dem die Ausstellung gewidmet ist. Es geht schließlich um die Spuren, die Leser bei ihrer Arbeit an Texten – oder schlicht ihrer Lektüre – hinterlassen haben. Darunter auch solche Bücher, die sich der expliziten Aufforderung an den Leser verdanken, mit den Texten zu operieren: sie etwa neu zusammenzustellen, fortzusetzen oder zu ergänzen.

          Was modern klingt – der Topos eines eigentlich erst durch die Rezeption hergestellten Werks – und das noch modernere Stichwort des „interaktiven“ Umgangs mit Medien aufruft, aber sich als Praxis eben doch bis in die frühe Geschichte des Buchdrucks zurück verfolgen lässt. Womit das interaktive Medium der Webdarstellung selbst als Fortsetzung von vorgestellten alten Techniken des Umgangs mit Texten auftritt.

          Parodieren und Beichten

          Verbindungen über Jahrhunderte hinweg sind da auch schnell geschlagen. Raymond Queneaus Gedichtzeilen auf beweglichen Lamellen, aus denen der Leser die „Hundertausend Milliarden Gedichte“ komponieren könnte, die der Titel des Buchs anführt, sind ein möglicher Ausgangspunkt. Von diesem Beispiel oulipotischer Kombinatorik aus den sechziger Jahren ist man aber mit einem Sprung in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhundert, nämlich mit dem Drucker und Gelehrten Henri Estienne, der in seinen „Parodiae morales“ den Leser ebenso auffordert, vorgegebene Versatzstücke – in diesem Fall aus lateinischen Klassikern – auf dafür frei gehaltenen Seiten zur rekombinieren. Eine Übung, die die Autorität der kanonischen Autoren ebenso bestätigt wie den Umgang mit ihnen ironisch glossiert und ihrem Erfinder jedenfalls unter die Ahnen des Pariser „Ouvroir de Littérature Potentielle“ reiht.

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