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Fund aus „Tausendundeiner Nacht“ : Erzähle doch weiter, Schahrasad!

Das Kamel, geformt aus arabischen Schriftzeichen, schuf der Kalligraph Mustafa Emary für Claudia Otts Übersertzung. Bild: Mustafa Emary, Kairo

Ein Frauenfeind wird umerzogen: In einer bisher vernachlässigten Handschrift erhält die Märchensammlung „Tausendundeine Nacht“ einen sensationellen neuen Schluss. Ein Besuch bei der Übersetzerin Claudia Ott.

          8 Min.

          Die Geschichte ist bestens vertraut und trotzdem immer wieder entsetzlich: Ein Herrscher wird von seiner Frau betrogen, und weil es seinem Bruder nicht besser ergeht, glaubt der Monarch nun, dass alle Frauen gleich, nämlich untreu seien. Wie um zu beweisen, dass deshalb jede Ehe zum Scheitern verurteilt sei, nimmt er nun Tag für Tag ein Mädchen seines Landes zu sich ins Bett, um es am nächsten Morgen hinrichten zu lassen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Morden geht so lange, bis die mutige Tochter des Großwesirs freiwillig zum Herrscher geht und ihm in der ersten Nacht, die eigentlich ihre einzige sein sollte, den Anfang einer derart spannenden Geschichte erzählt, dass der Sultan ihre Hinrichtung noch etwas aufschiebt, damit sie in der nächsten Nacht weitererzählen kann.

          Ein Jahrtausende altes erzählerisches Konzept

          So geht das Nacht für Nacht. Am Morgen der eintausendundersten zeigt die gewiefte Erzählerin dem Sultan dann drei Kinder vor, die sie ihm in der Zwischenzeit - offenbar unbemerkt von ihm - geboren hat. Der aber zeigt sich gerührt, die Todesdrohung, die jahrelang über ihr schwebte, wird kassiert, ein Fest wird gefeiert und vom König wird erzählt, dass er nun „in Glück und Seligkeit“ lebte, „bis Der zu ihnen kam, der die Freuden schweigen heißt“, also der Tod.

          „Tausendundeine Nacht“ heißt diese Sammlung von Geschichten, ernsten, tragischen und burlesken, von derben Scherzen und hochmoralischen Lehrstücken, vor allem aber von Liebesabenteuern, die gegen alle Widerstände meist doch noch die Kurve zum glücklichen Ende kriegen. Das erzählerische Konzept ist alt, entstanden offenbar bald nach Christi Geburt in Indien, später gelangte es über eine persische Version in den arabischen Raum, und aus dem zehnten Jahrhundert ist eine Zusammenfassung des Inhalts von dem nun „Alf Layla“, „Die tausend Nächte“, getauften Werk überliefert, die recht genau die Rahmenhandlung wiedergibt. Alles ist da: Der König, sein grausamer Vorsatz, schließlich das Mädchen, das ihn durch ihr ausdauerndes Erzählen eines Besseren belehrt.

          Die Annahme einer Originalfassung ist müßig

          Nun aber, im hohen Mittelalter, setzt offenbar ein Prozess ein, der das Werk fortwährend verändert und fortschreibt - und das nicht nur um die eine Nacht, die zu dem klassischen Titel noch fehlte. Denn prinzipiell erlaubt dieser Rahmen bis heute jedem Erzähler so gut wie alles: Jede Geschichte, jede Dichtung, ja sogar ein umfangreiches Epos kann integriert werden, wie verschiedene Fassungen zeigen - allen voran eine Handschrift aus Tübingen, an der man studieren kann, wie ein bekanntes umfangreiches Werk für „Tausendundeine Nacht“ eingerichtet wird.

          Entscheidend ist in all diesen Fassungen, dass die kluge Erzählerin ihren Gemahl durch spannende Geschichten von seinem grausamen Vorsatz ablenkt, und dafür ist jede unerhörte Begebenheit recht. Weil der Rahmen nun einmal da war und weil sich diese Form als ausgesprochen populär erwies, so kann man vermuten, gelangten immer mehr eigentlich unabhängige Geschichten in das Gefüge hinein, selbst wenn sie mit ihrem schieren Umfang den Rahmen eigentlich sprengten. Schon deshalb erscheint es müßig, die Existenz einer Originalfassung von „Tausendundeiner Nacht“ anzunehmen oder diese gar in einer vergessenen Bibliothek des Orients finden zu wollen.

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