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Jiddisches Erbe in der Ukraine : Zurik, oder es gibt eine Menge Zores!

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Die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk Bild: ORF

Die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk wuchs in der Ukraine auf – mit vielen Wörtern, die ihr rätselhaft waren. Dann machte sich sich auf deren Spur.

          5 Min.

          Ich führe seit kurzem ein Wörterbuch der Toten. Die Toten sprechen mit mir durch meine Eltern, was meine Eltern nicht sonderlich begeistert. Sie ärgern sich sogar und versuchen, ihrer spirituellen Rolle zu entkommen. Am liebsten würden sie sagen: „Wir erinnern uns an nichts, es war nichts“, und es stimmt natürlich, aber nur zum Teil. Sie selbst möchten sich an gar nichts erinnern – schließlich waren sie nicht auf der Welt, als das geschah, woran man sich erinnern könnte –, aber ihre Sprache verfügt über ein eigenes Gedächtnis. Ihre Sprache erinnert sich an alles. Geister schleichen durch die Tore der Wörter aus der Vergangenheit hierher, und ich fange diese Wörter alle ab und liste sie auf. Keine Ahnung, wozu.

          „Was für ein Zores mit dem Fledermausvirus“, sagt meine Mutter im März 2020, und ich frage, was sie mit „Zores“ meint. Irritiert stottert die Mutter, sie wisse es nicht genau. „Kennst du das Wort etwa selbst nicht?!“ Ein andermal erzählt sie, dass ihr Vater immer nach Hause gefunden habe, egal, wie betrunken, weil seine Pferde außergewöhnlich kluge Tiere gewesen seien. Der Mann habe sich einfach auf seine Kutsche gelegt, den Pferden „Zurik!“ befohlen, und die Pferde hätten die Kutsche ohne Führung brav nach Hause gezogen. „Zurik! Zurik!“, wiederholt Mutter voller Freude und auch ein bisschen wehmütig, weil ihr Vater schon lange tot ist. Ich frage, was dieses mysteriöse, sich in keinem ukrainischen Wörterbuch befindende Wort bedeuten sollte. Sie sagt, so habe man in ihrem Dorf halt geredet.

          Wie ich begann, etwas zu ahnen

          Erst nachdem ich begonnen hatte, die deutsche Sprache zu lernen, vor zehn Jahren ungefähr, begann ich auch langsam, etwas zu ahnen. Jedes Mal, wenn ich ein deutsches Wort wiedererkannt habe, weil meine Eltern es in einer abgewandelten Form immer schon benutzten, machte ich mich darüber lustig, sie würden wohl Deutsch sprechen – mit der Überzeugung, es wäre Ukrainisch. „Du bist der Letztyj“, würden sie sagen, um jemanden zu beleidigen, was offensichtlich dem deutschen Wort „Letzter“ ähnelt. Eine exzentrische Frau bezeichnen sie immer als „mischigena“. Dieses Adjektiv enträtselte ich schnell, vielleicht weil ich selbst ein bisschen „meschugge“ bin. Und kommt „zurik“ etwa nicht von „zurück“? Mama, Papa, wer brachte euch dieses Vokabular nur bei?

          Das jüdische Leben in der Ukraine wurde von den Deutschen systematisch ausgelöscht: Foto des Massakers von Babi Jar am 28. und 29. September 1941,
          Das jüdische Leben in der Ukraine wurde von den Deutschen systematisch ausgelöscht: Foto des Massakers von Babi Jar am 28. und 29. September 1941, : Bild: akg-images / Pictures From Histo

          Das ostgalizische Dorf, aus dem sie stammen und aus dem sie Ende der siebziger Jahre Hals über Kopf in die Stadt geflohen sind, schien mir immer besonders trist zu sein. Es lag volle drei Stunden Zugfahrt sowohl von Iwano-Frankiwsk als auch von Tscherniwzi (in der k. u. k. Monarchie: Stanislau und Czernowitz) entfernt. Im Nirgendwo. Und nichts war hier interessant, weder die langweiligen Hügelchen noch die veralteten Bücher in der modrigen Bücherei. Das einzige Lebensmittelgeschäft befand sich in einem hässlichen Betongebäude, einem Mausoleum ähnlich. Es gab noch eine Apotheke, eine Poststelle, ein Krankenhaus, eine Schule. Auf den Bänken entlang der kurvigen Hauptstraße hielten schwätzende Großväterchen die allgemeine Ordnung aufrecht. Sie erzählten Witze über Gorbatschow und beschimpften Kinder, die, an der Kirche vorbeigehend, vergessen hatten, sich zu bekreuzigen.

          Fremde gab es in meinem Dorf doch gar nicht

          Ich verbrachte viel Zeit auf diesen Bänken, weil meine Eltern mich jeden Sommer herzlos bei ihren Eltern deponierten. Danach fuhren sie mit dem neuen Auto in die Stadt zurück. In ihre geschichtslose proletarische Zukunft, die allerdings von Kolchosenarbeit und Plumpsklo befreit war. Und ich, die Fünfjährige, zum Naturgenuss und Milchtrinken verurteilt, lief dem Auto weinend hinterher. Sie flohen aus dieser Welt und ließen mich als Tribut zurück.

          Ich sah mich um und konnte nichts sehen, keine Spur. Ein rotbemalter Traktor vor dem Eingang einer sowjetischen landwirtschaftlichen Einrichtung zog meine volle Aufmerksamkeit auf sich. Im sogenannten Zentrum des Dorfes ragte das Denkmal eines unbekannten Soldaten empor, ein paar Trauerweiden flatterten über dem Ewigen Feuer. Der Zweite Weltkrieg, hier ausschließlich der „Große Vaterländische“ genannt, stellte für alles einen Ausgangspunkt dar. Davor gab es kein Leben und keine Geschichte. Ein heruntergekommenes katholisches Kloster pflegte niemand, niemand beweinte ein paar geplünderte Gräber am Rand des Friedhofs. Im Dorf lebte zu dieser Zeit kein einziger Pole oder sonst ein Fremder.

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