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Mein erstes Mal : Winterzauber über Blutspuren

  • -Aktualisiert am

Selbst im eisigen Liebesnest hinter dem Ural sind die Liebenden Jurij (Omar Sharif) und Lara (Julie Christie) nicht sicher. Bild: Picture-Alliance

Boris Pasternaks befremdender Passionsroman „Doktor Schiwago“ ist ein Versuch der Selbsterhaltung. Was steckt vom eigenen Schicksal des Autors in seinem Werk?

          7 Min.

          Dah-dih-dadah . . . Als Kind muss ich den Film „Doktor Schiwago“ gesehen haben, denn unauslöschlich sitzen in den Abgründen meiner Erinnerung Bilder von einem einsamen Haus in tiefem Schnee, von zugefrorenen Scheiben und einer schönen Frau mit sehr blauen Augen. Glücksgefühle umspinnen sie und werden plötzlich durchschnitten von einem blitzenden Schmerz solcher Intensität, dass ich nie zu diesem Film zurückkehrte. Glück und Schmerz verschmelzen in einem Thema von zehn Noten. Darüber liegt wie Kleister die Stimme von Karel Gott: „Weißt du, wohin / die Träume alle ziehen?“ Sie kam 1967 hinzu. Heute weiß ich, dass der Filmschnee von 1965 spanischer Marmorstaub war.

          Erst jetzt habe ich Boris Pasternaks Roman gelesen. Ich kam zu ihm über den Dichter Osip Mandelstam und das Erinnerungswerk seiner scharfsichtigen Frau Nadeschda. Pasternak war der Schriftsteller, dem in Stalins Regime nichts passierte. Hunderttausende wurden in den dreißiger Jahren verhaftet, Mandelstam starb 1938 im Lager, Isaak Babel wurde 1940 erschossen. Auch 1946, als Anna Achmatowa und Michail Soschtschenko aus dem lebensnotwendigen Schriftstellerverband ausgeschlossen wurden, und 1948 bis 1953, als Stalins Antisemitismus die Reihen der noch verbliebenen jüdischen Schriftsteller lichtete, passierte Pasternak nichts.

          Im Straßenschmutz geboren

          In diesen Jahren arbeitet er auf seiner Datscha in Peredelkino an „Doktor Schiwago“. Er hatte sich 1946 noch einmal in eine junge Frau verliebt. Olga Iwinskaja wurde im Herbst 1949 verhaftet und kam erst 1953 wieder frei. Der Roman erschien im Herbst 1957 in Italien und wurde zum Welterfolg. Den Literaturnobelpreis musste Pasternak auf staatliches Geheiß ablehnen. Er starb 1960.


          Feuilleton-Serie: Das Erste Mal
          Canetti hatte sich den „King Lear“ fürs hohe Alter aufgespart. Thomas Mann musste siebzig werden, bis er Gottfried Kellers „Grünen Heinrich“ entdeckte. Musils „Mann ohne Eigenschaften“ hat fast niemand ordnungsgemäß beendet. Jeder Autor und Kritiker hat ein paar Leichen im Lektürekeller: große Werke der Weltliteratur, deren Inhalt und Bedeutung er grosso modo kennt, die er aber aus irgendwelchen Gründen noch nie gelesen hat.

          Man wird bei literarischen Gesprächen darüber hinwegspielen und Hemmungen haben, es offen einzugestehen. Aber es gibt niemanden, der nicht seine Lücken im Kanon hätte und dem nicht ein, zwei berühmte Klassiker entgangen wären; realistisch gesprochen, wohl eher ein, zwei Dutzend. Mit zunehmendem Alter wachsen die Verpflichtungen, und es schwindet die freie Lesezeit. Aber genau das ist bedauerlich. Denn wäre nicht gerade der frische Blick erfahrener, empfindsamer und gewiefter Leser auf einen vielleicht nur noch als Legende überlebenden Klassiker aufschlussreich? Muss man den Kanon, wenn er nicht Staub ansetzen soll, nicht ab und zu durchlüften?

          Wir haben namhafte Autorinnen und Autoren gebeten, eine Luke in jenen Keller zu öffnen und berühmte Bücher einer späten Erstlektüre zu unterziehen. Was werden wir zu hören bekommen? „Hamlet“ ist doch eigentlich stark überschätzt, „Don Quijote“ so ungenießbar wie Dantes „Paradiso“, „Moby Dick“ langweilig und „Krieg und Frieden“ wirklich nicht schlecht – wird jemand solche Urteile wagen? Wir hoffen, der scharfe neue Blick wird manchen Staub aufwirbeln. Und manche neue Begeisterung entzünden.

          „Doktor Schiwago“ war für ihn „das einzige Werk, dessen ich mich nicht schäme und für das ich die volle Verantwortung übernehme“. Doch die Dichterin Anna Achmatowa fand den Roman schwach, einen Fehlschlag wie den zweiten Teil von Gogols „Tote Seelen“. Bei Isaiah Berlin lösten Pasternaks Werke Übelkeit aus. Lazar Fleishman hingegen, Pasternak-Biograph und Literaturhistoriker an der Stanford University, hält „Doktor Schiwago“ für genial: „eine ästhetische Provokation, deren volle Bedeutung man nur erfassen kann, wenn man den Roman vor dem Hintergrund der spezifischen Bedingungen der Jahre 1945 bis 1953 liest“. Damit wäre also eine naive Lektüre ausgeschlossen.

          Schwierig ist der Roman nicht. Man bekommt ziemlich schnell mit, dass es sich hier um eine Apotheose des Dichters handelt, auch wenn der Held wie Thomas Buddenbrook im Straßenschmutz stirbt. Die Handlung beginnt 1903 mit dem Begräbnis einer Frau nach russisch-orthodoxem Ritual. Ihr zehnjähriger Sohn, Jurij Schiwago, erklimmt den frischen Grabhügel, um wortlos gen Himmel zu klagen.

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