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Spuren der Römer : Auf der Suche nach dem geheimen Italien

Mit den Füßen sieht man besser: Paolo Rumiz auf der Via Appia Antica bei Itri. Die Straße lag vor ihrer Wiederentdeckung Jahrzehnte unter einer Müllkippe. Bild: Hannes Hintermeier

Die Via Appia zog einst die direkte Linie von Rom bis Brindisi – bis man sie vergaß. Der Schriftsteller Paolo Rumiz hat sie wiederentdeckt und ist dabei auf ein Land gestoßen, das sich abhandenkommt.

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          „Trainieren Sie für den Jakobsweg?“ – Die Frage einer Büffelzüchterin in der Terra di Lavoro habe ihn am meisten überrascht. Denn Pilger, das wollte Paolo Rumiz ganz gewiss nicht sein. Seine Reise galt keinem spirituellen Ziel, sondern einem handfesten. Er wollte herausfinden, was aus der ersten und bekanntesten aller römischen Straßen, der Via Appia, geworden ist. 2300 Jahre nach ihrer Erbauung war der Befund rasch klar: Viel ist nicht übrig, es sei denn, man sähe genauer hin. Das hat Rumiz mit dem im Original 2015 erschienenen Buch „Appia“ getan, das Folio Verlag unter dem Titel „Via Appia“ in deutscher Übersetzung vorlegt.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Paolo Rumiz ist in Italien eine journalistische Marke. Als in den Kriegsgebieten Jugoslawiens und Afghanistans bewährter Reporter schreibt er heute für die Tageszeitung „La Repubblica“ große Stücke, Reisereportagen mit politischem Veränderungsanspruch, die häufig im Fernsehen verwertet werden. Journalist mag er immer weniger sein, er will jetzt als Schriftsteller gelesen werden, und wer seine beiden bislang auf Deutsch vorliegenden Bände („Der Leuchtturm“, „Die Seele des Flusses“) liest, wird den literarischen Anspruch nicht verkennen.

          Von Italienern zerstört

          Rumiz ist mittlerweile einundsiebzig. Er habe keine Zeit mehr, sich zum „nützlichen Idioten der Ausbeuter“ zu machen. Und deswegen steht er nun Anfang dieser Woche im Parco Naturale dei Monti Aurunci und erklärt einer Gruppe von Journalisten, was ihn bewogen hat, sich die Appia vorzunehmen. Der Bürgermeister der Gemeinde Itri ist ebenso erschienen wie Ranger des Parks und das lokale Tourismusbüro. Ein Zitronenfalter wackelt zitternd im böigen Wind, die Luft ist kühl und doch voller Verheißung auf den Frühling.

          „Wurde die Appia von Barbaren zerstört? Nein, von Italienern.“
          „Wurde die Appia von Barbaren zerstört? Nein, von Italienern.“ : Bild: Picture-Alliance

          Der Autor – weißer Bart, Glatze, prominente Nase, verschleierter Blick und monoton-dunkle Stimme – spricht von einem „besseren Italien“, das er wachrütteln wolle. „Wurde die Appia von Barbaren zerstört? Nein, von Italienern.“ Die schlimmsten Wunden habe ihr nicht der Faschismus zugefügt, schreibt Rumiz, sie seien von den sechziger Jahren an geschlagen worden, als Italien mit krimineller Energie „alle Hemmschwellen des guten Geschmacks“ fallenließ. Der Trend zur Flächenversiegelung, zum illegalen Hausbau hält an, zumal hier, hundertdreißig Kilometer südlich von Rom, wo langsam der Großraum Neapel und mit diesem der Mezzogiorno näher rückt.

          Ein Mann, der seiner „Bürgerpflicht“ nachkommen möchte: Rumiz versucht, was nie gut ankommt. Er möchte dem Land zurückgeben, was dieses gar nicht begehrt. Denn die Mehrheit der heutigen Italiener hat mit dem Staat eines gemein – sie interessiert sich nicht für das antike Erbe. Im Gegenteil. Archäologen haben einen schweren Stand in einem Land, in dem „alle eine römische Straße im Keller“ haben, wie Rumiz einen Unternehmer aus Capua Vetere zitiert. Deswegen liege die Rettung dieser reichen Vergangenheit in den Händen einiger weniger „Utopisten und Visioniäre“, sagt Rumiz. Nur sie könnten das Land retten.

          Ausdruck reinster Rationalität

          So einer ist der aus Neapel stammende Schauspieler und Sänger Pasquale Valentino, der seit langem in Itri lebt, einer, abgesehen von der massigen Burganlage, unscheinbaren Zehntausend-Seelen-Gemeinde am Fuße schroffer Berge. Er hat unermüdlich dafür gekämpft, den Streckenabschnitt zu bewahren, den Rumiz nun seinen Gästen zeigt. Ein Stück Römerstraße, das durch ein seltsames Wunder gerettet wurde: Es lag Jahrzehnte unter einer Müllhalde. Als die Deponie verschwand, sicherte man das Gelände und kann heute den am besten erhaltenen Abschnitt der gesamten antiken Straße präsentieren.

          Das Italien der Gegenwart scheint im Vergleich mit den Jahrhunderten des Imperiums ein Land zu sein, das wieder der Wildnis anheimfällt: Die Via Appia im späten neunzehnten Jahrhundert.
          Das Italien der Gegenwart scheint im Vergleich mit den Jahrhunderten des Imperiums ein Land zu sein, das wieder der Wildnis anheimfällt: Die Via Appia im späten neunzehnten Jahrhundert. : Bild: Picture-Alliance

          Die Appia ist nicht mehr in dem Zustand, in dem römische Legionen sie passierten, aber man kann erkennen, was sie zuallererst auszeichnet. Eine möglichst gerade Linie durch die Landschaft, wo immer sich dies realisieren ließ. Ausdruck reinster Rationalität, von Machbarkeit und Machtanspruch. Vom Zielort aus erschloss sich Rom den östlichen Mittelmeerraum bis nach Persien. Und anders als der Jakobsweg kennt die Appia zwei Richtungen: den Machtexport des Imperiums und in der Gegenrichtung den Import von Waren und Ideen, der nicht nur die Apostel Petrus und Paulus nach Rom führte.

          Er sammelt Geschichten und steinerne Reste

          So durchschneidet die Appia eine Halbinsel, die seit Jahrtausenden Durchgangsland und Siedlungsort vieler heute weithin vergessener Völker wie der Italiker war. Erbauen ließ sie der mächtige und wegen seiner Zielstrebigkeit gefürchtete Staatsmann und Militärtribun Appius Claudius Caecus („Der Blinde“) vom Jahr 312 vor Christus an, zuerst bis Capua. Hundertzwanzig Jahre später wurde sie bis Brundisium, dem heutigen Brindisi, verlängert. Die dreihundertsechzig römischen Meilen wuchsen sich wegen der vielen Umwege, die Rumiz und seine Begleiter nehmen mussten, zu mehr als sechshundert Kilometern Fußmarsch in neunundzwanzig Tagen aus.

          Anders als zu Zeiten der Toskana-Fraktion hat die Begeisterung junger Deutscher für den südlichen Nachbarn nachgelassen. Es gibt heute interessantere Länder, die man für Studium und Berufsstart wählt.
          Anders als zu Zeiten der Toskana-Fraktion hat die Begeisterung junger Deutscher für den südlichen Nachbarn nachgelassen. Es gibt heute interessantere Länder, die man für Studium und Berufsstart wählt. : Bild: Picture-Alliance

          Der Bericht von der Wiederentdeckung dieses teuren, aber sehr haltbaren Bauwerks, das dem militärisch-industriellen Komplex diente, führt tief in die Geschichte. Immer wieder trifft man auf Horaz, der in seinen Satiren eine Reise auf der Appia beschreibt. Rumiz sammelt Geschichten und steinerne Reste entlang des Wegs auf, Antike und Jetztzeit verschwimmen zu einem Echo auf die Metamorphosen in Christoph Ransmayrs Ovid-Roman „Die letzte Welt“. Das Italien der Gegenwart scheint im Vergleich mit den Jahrhunderten des Imperiums ein Land zu sein, das wieder der Wildnis anheimfällt und das politisch noch unregierbarer wirkt als die ersten sieben Nachkriegsjahrzehnte. Xenophobie sei seit der Flüchtlingswelle weit verbreitet, und aus dieser Angst schlage die Rechte so lange Kapital, bis sie in offenen Rassismus umschlage, notiert der Autor.

          Der Weitgereiste selbst tritt auf die Vorderbühne als Mahner und Seher, ein spätberufener Nachfahre der antiken Sänger, der die Bindekräfte des alten Kontinents beschwört – sein aktuelles Buch „Il filo infinito“ handelt vom heiligen Benedikt und dessen Nachfolgern. Als Nächstes will Rumiz in einem Langgedicht Europa besingen. Im Gespräch mit dieser Zeitung gibt er zu Protokoll, er wolle Schriftsteller sein, um „die harten Fakten und die ,Wahrheit‘ auch mal wegzulassen“. Sein Credo: „Eine Reise hängt nicht an den Orten, sondern an den Menschen, die man trifft.“ Niemand könne exakt die gleiche Reise wiederholen, und die besten Reisen seien ohnehin jene, „die man ohne Vorwissen und ohne Vorurteile“ unternehme.

          Hinein in ein unbekanntes, „geheimes Italien“

          Bei seiner (Selbst-)Erkundung geht er passagenweise radikal subjektiv zu Werke. Winkt man eine kaum verhohlene Autoreneitelkeit durch, gelingen dem Chronisten überzeugende Landschafts- und Seelenbilder. Einen Lektor hätte man sich erhofft, wenn Rumiz etwa über die Frage sinniert, warum sich das Christentum durchgesetzt hat. Zur Beantwortung dieser für ihn „obligatorischen“ Frage stehen Regalkilometer Forschung zur Verfügung.

          Aus der ungeliebten Hauptstadt selbst sei man regelrecht geflüchtet, man wollte hinein in ein unbekanntes, „geheimes Italien“. Dazu musste die Wandergruppe erst einmal bis Terracina überleben, eine gefürchtete Strecke, auf der mit Maximalgeschwindigkeit gerast wird. Schließlich bestieg man einen Bus, um sich nicht permanent in Lebensgefahr zu begeben. Die Appia verläuft im Latium teilweise parallel zur höher in die Hänge getriebenen Staatsstraße 7, verschwindet auch mal in Streuobstwiesen und taucht mit ihren Steinen in Itri neben der modernen Teerdecke wieder auf.

          22 Millionen für die Rettung der Appia

          Dass Rumiz überhaupt die auf vielen Abschnitten verschwundene Straße gefunden hat, verdankt er einem Freund, der mit Hilfe alter Militärkarten eine GPS-Route erstellte, an die sich die Wanderer halten konnten – manchmal durch Unterholz und Bäche, nebst Überklettern von Leitplanken und Queren von Schnellstraßen. Zäune mussten ebenso überwunden werden wie streunende Hunde abgewehrt, dazu kam das vielfach aggressive Auftreten der Einheimischen gegenüber Menschen mit Rucksack. „Wer kein Auto hat, gilt als armer Schlucker oder als Idiot“, heißt es im Buch.

          Paolo Rumiz: „Via Appia“, Folio Verlag, 336 Seiten, geb., 25 Euro.
          Paolo Rumiz: „Via Appia“, Folio Verlag, 336 Seiten, geb., 25 Euro. : Bild: Folio Verlag

          Aber Gastfreundschaft erlebten die Wanderer eben auch und damit jenen Typ Landsfrau und -mann, den Rumiz nach Abschluss seiner Tour, die er als „wirkliche Plackerei“ beschreibt, von seinem Anliegen überzeugen konnte. Er kam nämlich noch einmal wieder, organisierte die Ausstellung „L’Appia ritrovata“, war im Fernsehen und bei Veranstaltungen in Orten entlang der Route präsent. So entstand eine Bürgerbewegung, der sich vor allem im Süden immer mehr Wandervereine und Fahrradclubs anschließen. Dem Kulturminister konnte man immerhin 22 Millionen Euro entlocken, die nun in die Rettung der Appia gesteckt werden. Womit naturgemäß die Hoffnung auf Umwegrentabilität durch Tourismus verknüpft ist. Und an dieser Stelle kommt der deutsche Bildungsbürger ins Spiel, gleichwohl man den Teutonen nicht vergessen hat, dass sie hier 1943 noch als nationalsozialistische Besatzer durch die Gegend marschierten.

          Und obwohl man traditionell die Zuneigung der transalpinen Völkerscharen nur zaghaft erwidert, gibt sich Rumiz im Buch überzeugt davon, dass „Unmengen von Touristen sich für unsere Geschichte interessieren“. Gut möglich, dass dieses Interesse eher der römischen Antike und der Renaissance als der italienischen Geschichte seit dem Risorgimento, dem Faschismus im Besonderen und dem zwanzigsten Jahrhundert im Allgemeinen gilt. Hinzu kommt, dass die gegenwärtige politische Atmosphäre, die in der Europäischen Union das probate Feindbild und in Deutschland den Nachbarn erkennt, der sich auf Kosten Italiens bereichert habe, viele Italien-Liebhaber verunsichert.

          Kulturtourismus allein kann nicht alles heilen

          All das weckt wenig Sympathie für die seit Jahrzehnten eingeschliffene Erklärung, es handele sich beim aktuellen Rechtsruck um eine der üblichen „Wellen“, die vorübergehen werde. Anders als zu Zeiten der Toskana-Fraktion hat die Begeisterung junger Deutscher für den südlichen Nachbarn nachgelassen. Es gibt heute interessantere Länder, die man für Studium und Berufsstart wählt. Die Ferienhäuser der Achtundsechziger suchen neue Bewohner und finden sie häufig nicht, auch nicht in der eigenen Familie. Die Italien-Sehnsucht ist nicht verschwunden, eine Massenbewegung ist sie nicht mehr.

          Kulturtourismus allein wird nicht heilen, was der Mehrheit gleichgültig ist.
          Kulturtourismus allein wird nicht heilen, was der Mehrheit gleichgültig ist. : Bild: Hannes Hintermeier

          Schwerer wiegt, dass der Süden Angst hat. Auch Rumiz kann sie förmlich riechen, diese „Angst vor der Invasion“ durch Flüchtlinge. „Ja zum Rassismus. Raus mit den Immigranten aus Brindisi“ liest er am Ende seiner Wanderung an die Wand einer Unterführung gesprayt. Als glühender Europäer dreht er deshalb bewusst den Spieß um, wenn er sagt, er wünsche sich „eine Invasion von deutschen Touristen, die sich auf die Spuren der Appia heften“. (Nebenbei: Wer das ernsthaft vorhat, müsste auf die italienische Ausgabe zurückgreifen, die am Ende alle Etappen dokumentiert. Die deutsche Ausgabe verzichtet zu Recht darauf, um den Charakter des Reise-Essays nicht zu verwässern.)

          Kulturtourismus allein wird also nicht heilen, was der Mehrheit gleichgültig ist. Ob Rumiz sein Ziel, „die beschädigte Beziehung der Italiener zu ihrer Landschaft“ zu kitten, erreichen wird, scheint in einem an historischen Überresten überreichen Land wie Italien fraglich. Es ist der Mut der Verzweifelten, an den er appelliert. Wenn sich die derzeitige politische Lage verfestigt, wird Italien jeden einzelnen seiner „Utopisten und Visionäre“ brauchen.

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