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Intelligente Sextechnik : Träumen Androiden von Menschen?

  • -Aktualisiert am

I am your automatic lover: Kopf des Prototyps einer Sexpuppe, die Robotik mit KI-Steuerung verknüpft. Bild: The NewYorkTimes/Redux/laif

Das Begehren auf neuen alten Wegen: Sophie Wennerscheid untersucht in „Sex Machina“ den Stand der intelligenten Sextechnik – und was Mensch und Maschine auf diesem Feld noch bevorstehen könnte.

          Sex war noch nie die natürlichste Sache der Welt, doch so sehr technisch überformt oder überformbar wie heute war er auch noch nie. Die Literaturwissenschaftlerin Sophie Wennerscheid forscht zur Konstitution von Subjektivität und durchmustert in „Sex Machina“, wie die neuen Technologien von der assistierten Reproduktion über Teledildos und virtuelle Realität bis hin zu Sexrobotern unser Verhältnis zu uns selbst und zu anderen beeinflussen.

          Diese Techniken sind kaum auf dem Markt, da haben sich die Positionen schon in zwei Extreme gespalten: Die Fürsprecher sehen neue erregende Möglichkeiten, die in Beziehungen zwischen Menschen schwierig oder unmöglich sind. Die Gegner warnen davor, Menschen könnten unfähig werden, miteinander umzugehen, wenn sie sich mit den so viel einfacher gestrickten Maschinen abgeben. Für sie ist Sex mit Robotern, Sex in der virtuellen Realität, Sex, vermittelt über technische Geräte, nur ein Surrogat für die, die, warum auch immer, keinen menschlichen Partner finden, „Prothesen-Sex“.

          Neue Konzepte von Zugehörigkeit

          Die Autorin plädiert für einen Mittelweg: Technik und Sexualität schließen sich demnach nicht aus, das Begehren finde vielmehr neue Datenbestände und Übertragungswege. Die neuen Techniken könnten sogar „kritisches Potential“ bergen, Geschlechterstereotype aufbrechen und neue Konzepte von Zugehörigkeit entstehen lassen – solange der Mensch sich ihretwegen keine maschinenartige Perfektion aufzwingt.

          Im ersten Kapitel über die Möglichkeiten „assistierter Reproduktion“ fächert Wennerscheid die Palette neuer „nicht-normkonformer Beziehungs- und Familienkonstellationen“ auf. Sie diskutiert die bekannten Spannungen einer Reproduktionsindustrie, die mit den Hoffnungen, die sie weckt, viel Geld macht, und analysiert, etwas eklektisch, im selben Kapitel auch Sexspielzeug, lebensechte Babypuppen und den literarischen Diskurs über Klone darauf hin, was er an verstecktem Begehren zutage fördert. Hier, wie im ganzen Buch, trägt die Autorin viele Positionen zusammen, lässt aber nur vorsichtig eine gewisse Sympathie für Positionen der Grenzüberschreitung und Vermischung erkennen, wie sie Donna Haraway oder Rosi Braidotti vertreten.

          Nur deshalb geraten wir in Versuchung

          In der Folge geht es um die Begegnung mit dem Technischen. Roboter, vor allem die menschenähnlichen unter ihnen, lassen uns nicht kalt: Das ist, wie Wennerscheid richtig sieht, der Kern des Hypes um die mehr oder weniger intelligenten Maschinen unserer Tage. Wir können kaum anders, als ihnen ein menschenähnliches Innenleben zuzuschreiben. Wir sehen in ihnen etwas, so Wennerscheid, das „auf uns Bezug nimmt“, auf uns reagiert, uns meint, ein Gegenüber. Nur deshalb geraten wir in die Versuchung, zu Maschinen so etwas wie zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen zu wollen.

          Die Frage ist nun: Wollen wir uns von solchen Robotern ansprechen lassen oder sollten wir besser üben, sie nur als Maschinen zu betrachten? Auch hier plädiert Wennerscheid dafür, die Möglichkeiten erst einmal zu testen. Allerdings ist im Bereich intelligenter Sextechnik noch nicht allzu viel möglich – wie die Autorin mit eigenen Experimenten mit Sex in der virtuellen Welt erfahren musste.

          Daher nimmt sich Wennerscheid Jules Verne zum Vorbild und will aufzeigen, was sich in Ansätzen abzeichnet und wohin die Entwicklung gehen könnte. Dazu zieht sie ausführlich auch die Literatur zu Rate, von der Antike bis zur Science-Fiction. Immerhin schuf sich schon in Ovids „Metamorphosen“ Pygmalion eine Statue als ewig treue Gefährtin, Galateia mit Namen, die er küsste und umarmte, der er Kleider machte und sie „Genossin des Betts“ nannte. Und auch Blockbuster wie „Blade Runner“ handeln von den Verwirrungen, die entstehen, wenn sich zwischen Mensch und Maschine nicht mehr deutlich unterscheiden lässt. Wennerscheid nutzt diese Irritationen, um Ängste und – meist weniger explizit gemachte – Lüste aufzuspüren, die in diesen Begegnungen aufscheinen.

          Dabei schwankt die Autorin ein wenig zwischen realistischen Einschätzungen dessen, was Roboter heute können, und vermutlich eher theoretisch motivierten Träumen von einer Zukunft ohne Art- und Gattungsgrenzen, die dann irgendwie auch das Patriarchat und „wertkonservative Beziehungsmodelle“ beendet. Bislang, so stellt sie fest, pflegen nicht einmal im Film Menschen längere Beziehungen mit einem künstlichen Wesen. Einerseits scheinen Interaktionen mit Maschinen interessant zu sein, weil sie totale Kontrolle versprechen, andererseits werden Beziehungen zu schematisch und absehbar reagierenden Robotern schnell langweilig.

          Maschinen erfüllen in Filmen oft nur Stereotypen

          Könnten durch maschinelles Lernen Roboter entstehen, die eben doch unvorhersehbar agieren? Oder steckt das Unvorhersehbare schon in der Art, wie der Mensch die Maschine wahrnimmt? Oder sind sie deshalb faszinierend, weil sie uns etwas Inhumanes und Unbekanntes in uns selbst zeigen? Auf jeden Fall, da hat die Autorin recht, sollten die Robotergefährten gar nicht erst so tun, als seien sie künstliche Menschen. Und sie kritisiert zu Recht, dass in Film und Literatur die Begegnung mit der Maschine oft genug nur dazu dient, stereotype Rollenvorstellungen zu bestätigen.

          Dass es aber ein Sicherheitsproblem sein könnte, wenn Roboter sich unerwartet verhalten, damit etwas „ganz Eigensinniges und Eigensinnliches entstehen“ könne, kommt nicht in den Blick. Die Überschreitung von Speziesgrenzen mag avantgardistisch klingen, doch wir sollten nicht vergessen, dass wir es bei Cyborgs, Klonen oder Schimären mit leidensfähigen Wesen zu tun haben. Man muss nicht das Patriarchat verfechten, um „Multispezies-Assemblagen“ für Unfug zu halten.

          Menschenähnliche Maschinen müssen nicht besonders intelligent sein, um uns zu verwirren, das gilt insbesondere in der Sexualität. Das immer wieder zitierte „unheimliche Tal“, das menschenähnliche Maschinen unheimlich mache, kratzt, wie die Autorin betont, bestenfalls an der Oberfläche dessen, was geschieht, wenn sich Mensch und Maschine begegnen. Vielleicht, so Wennerscheid, ist es gerade eine Art Angstlust am Unverstandenen, die die Maschinen so interessant macht.

          Ihr Buch zeigt umfassend, welche Irritationen vor allem Roboter, die sich als soziale Wesen geben, hervorrufen und wie leicht Menschen sich Illusionen hingeben. Sie hätte deutlicher machen können, dass auch die heute „intelligent“ genannten Maschinen vielleicht Sexspielzeuge, aber kein angemessenes Gegenüber sein können.

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