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Bücherregale britischer Promis : Fauler Zauber in der Bibliothek

  • -Aktualisiert am

Die Corona-Krise kann man auch zum Sortieren des Bücherregals nutzen. Bild: Carlos Bafile

Besonderes Aufsehen hat die „Harry Potter“-Schöpferin J.K. Rowling mit einem Twitter-Video aus ihrer Bibliothek erregt. Wie kann man bei ihren Ordnungskriterien überhaupt ein Buch auffinden?

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          Jahrelang bot das britische Fernseh-Ratespiel „Through the Keyhole“ intime Blicke in die Wohnzimmer von Prominenten. Nach dem Format der Sendung „Was bin ich“ musste ein Team erraten, wer der Stargast war, der die Fernsehzuschauer da zu einem Besuch in sein Haus einlud. Die Arbeit im Homeoffice ermöglicht jetzt den Blick durch unzählige Schlüssellöcher von Politikern, Meinungsmachern, Experten und anderen, die erst allmählich lernen, ihre Geräte so zu plazieren, dass man ihnen bei Webcam-Interviews von zu Hause nicht in die Nasenlöcher schaut.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Wie sich die Gesprächspartner in Szene setzen und was man daraus über sie lernen kann, hat in den britischen Medien und der Twitter-Gemeinde bereits Anlass zu zahlreichen halbernsten sozialanthropologischen Kommentaren gegeben. Wahrscheinlich werden einmal Doktorarbeiten über die Selbstdarstellung durch individuelle häusliche Einrichtung in der Corona-Krise geschrieben werden. Auffallend ist, wie oft nicht nur Politiker eine Bücherwand als Kulisse wählen, um zu vermitteln, dass sie über geistigen Hintergrund verfügen. Eine Ausnahme bildete der Erzbischof von Canterbury, der die Ostermesse vor einem trostlos unpersönlichen Küchenschrank zelebrierte, bei dem nichts auf irgendeinen religiösen Anlass hindeutete.

          Die Herzogin von Cambridge, in Deutschland besser bekannt als Kate, die Frau von Prinz William, gab sich dagegen mit einer bibliophilen Klassikerausgabe auf dem Schreibtisch als Literaturliebhaberin aus. Bei ihrer Stiefschwiegermutter Camilla, der Herzogin von Cornwall, sah das Arbeitszimmer weniger aufgeräumt aus, als sie sich in ihrem schottischen Domizil fotografieren ließ: Neben ihr lehnte ein Ballwurfgerät für Hunde an der Wand, daneben standen lauter leere Kisten und hinter ihr ein Bücherregal, in dem „Harry Potter“-Bände, Krimis und Biographien halb verdeckt wurden von zahlreichen Aufnahmen ihrer Hunde, Pferde und Enkelkinder, die mit sympathischem Schnickschnack vorne im Regal um Platz wetteiferten.

          J.K. Rowling sorgt mit ihrem Bücherregal für Aufsehen

          Dem Gatten der Herzogin, Prinz Charles, gelang etwas Schleichwerbung, als er das neue Krankenhaus im Londoner East End per Video-Link eröffnete und dafür sein iPad mit einem Bücherstapel stützte, in dem der Rücken seines eigenen Bildbandes „Harmony – A New Way of Looking at Our World“ gut erkennbar der Kamera zugewandt war. Der konservative Angeordnete Robert Halfon verriet nach einem Video-Gespräch mit der Nachrichtensendung „Newsnight“, dass er für die Schaltung in sein Haus eine Handpuppe ins Bücherregal gestellt hatte, um einige Hitler-Biographien zu kaschieren, deren Anwesenheit manchem Zuschauer kommentierungsbedürftig vorgekommen wären.

          Die Edition Suhrkamp grüßt, aber immerhin: J.K. Rowlings Bibliothek

          Man darf dem Publikum in der Tat diesbezüglich einiges zutrauen: Das Bild der ledergebundenen Bände in der Bibliothek von Jacob Rees-Mogg bei einer Kabinettssitzung per Video-Link veranlasste einen Beobachter, zu fragen, weshalb es so aussehe, als kämen die Bücher des oftmals als „Abgeordneten für das neunzehnte Jahrhundert“ verspotteten Fraktionsvorsitzenden der Tories aus der Aufklärungsgalerie des Britischen Museums, dem einzigen Raum, der noch im Zustand seiner Eröffnung im Jahr 1827 verblieben ist.

          Besonderes Aufsehen aber hat die „Harry Potter“-Schöpferin J.K. Rowling mit einem Twitter-Video aus ihrer Bibliothek erregt. Deren Umsortierung hatte sie sich für die Zeit der Ausgangssperre zum Ziel gesetzt. Als Motto für den edel blaugrau gestrichenen Raum hat sie ein Zitat aus dem allegorischen Versepos „Die Feenkönigin“ des elisabethanischen Dichters Edmund Spenser gewählt, das in goldenen, keltisch nachempfundenen Buchstaben über den Regalen prangt und die Macht der Gedanken über die Materie zum Ausdruck bringen soll. Darunter hat J.K. Rowling ihre Bücher nach Farben geordnet: Die Töne changieren wie auf der Angebotspalette des Edelherstellers Farrow & Ball.

          Die rostfarbenen Buchrücken von „Der Herr der Ringe“ und der „Ilias“ gehen über ins Scharlachrot von „Alice im Wunderland“, „Herr der Fliegen“ und einem Taschenbuch von P.G. Wodehouse. Wie man ein Buch in einer nach derartigen ästhetischen Kriterien arrangierten Bibliothek auffinden soll, verriet die Autorin nicht. Vor einem ähnlichen Dilemma stehen die Mitarbeiter einer öffentlichen Bücherei in Suffolk. Dort hat eine wohlmeinende Putzkraft die Schließung wegen der Corona-Epidemie genutzt, um den gesamten Bestand nach Bücherformat zu ordnen.

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