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Buchmesse-Gastland Slowenien? : Hier ist der Bienenfleiß zu Hause

Zwei Tage später, in Triest, das Italien nicht ganz als italienisch empfindet und die Slowenen als verlängerte Heimat, die ihnen nur durch eine Reihe historischer Irrtümer genommen wurde, lädt Professor Jože Pirjevec zum Mittagessen in seinen Garten. Viele Jahre hindurch nannte der alte Herr sich Giuseppe Pierazzi, sonst, so sagt er, hätte er es nicht weit gebracht. Erst als er Bücher schrieb, kehrte er zu seinem slowenischen Namen zurück. Ganz schlecht scheint die Universitätskarriere nicht verlaufen zu sein, denn sein Haus ist groß, Familienbesitz, von dem aus sich leichter über den Lauf der Geschichte philosophieren lässt. Pirjevec hat gerade bei Kunstmann eine dicke Tito-Biographie veröffentlicht, sie wird die umfangreichste auf dem deutschen Markt sein. Es gebe aber, sagt er lachend, ein bisher unübersetztes Konkurrenzwerk, das doppelt so dick sei!

Das erste Kapitel widmet Pirjevec Titos Augen, diesen hellen, durchdringenden Lichtern, die unabhängig von seinen Gesichtszügen zu leben schienen, gefährliche Augen, sagten viele, den Besitzer dieser Augen habe man nicht zum Feind haben wollen. Möglicherweise spielt auch das im geschichtlichen Denken dieses Volkes eine Rolle: Es fehlen die herausragenden Figuren, die leuchtenden Lenker, und wenn man sich suchend nach etwas Großem umschaut, sieht man nur das Europa der Brüsseler Verwaltungsbüros.

„Archiv der toten Seelen“

Groß, ja unüberschaubar ist Slowenien heute in der Figur seines produktivsten, unberechenbarsten und berühmtesten Intellektuellen, Slavoj Žižek. Der Psychoanalytiker, Essayist und Kulturphilosoph kommt in Ljubljana zum Abendessen. Niemand könnte auch nur die Hälfte seiner Buchtitel überblicken, und wie um die ungehemmte Ideenproduktion vor dem lebenden Objekt zu illustrieren, begrüßt uns Žižek in der Hotelhalle, indem er gleichzeitig mit allen neun anwesenden Personen spricht, Hände schüttelnd, lachend, die Nase reibend, den Körper biegend.

Die Nase reibt er sich auch beim Abendessen öfter, aber auf unsere diskret an den Nebenmann gerichtete Frage, ob hier illegale Substanzen im Spiel seien, erfahren wir: Nein, Žižek trinke nicht, rauche nicht und benötige keine künstlichen Paradiese, die habe er in seinem Kopf, und wenn er unter Menschen sei, könne er nicht anders, als intellektuelle Feuerwerke zu zünden. Dafür brauche er andererseits auch seine streng gehüteten Phasen radikaler Abschottung, andernfalls (so der Nebenmann) müsste er wohl platzen. Seine vierte Frau, die Zahl stammt von informierter Seite, begleitet seine Solonummern zu Marx, Richard Wagner und den Highlights einer geheimen Kinogeschichte mit einem Lächeln, als schaute sie auf die Kapriolen eines wüsten Kindes. Sie kennt ihren Žižek, sagen ihre Blicke. Wir dagegen erahnen im Kopf des berühmten Mannes einen kleinen Kontinent und sind naturgemäß froh, dass er nicht platzt.

Natürlich muss es einen lyrischen Höhepunkt unseres Besuchs geben. Er besteht, am letzten Abend, aus einer Weinprobe mit Dichterlesung, die der Lyriker Aleš Śteger in einer Weinkneipe veranstaltet. Das Format hat Tradition, auch das wichtigste Lyrikfestival des Landes im August kombiniert Verse mit Rebensaft. Diesmal auf dem Programm: drei slowenische Weißweine, drei slowenische Rotweine, sechs Dichter. Śteger, der gerade von einer Lesereise in Deutschland zurückgekehrt ist, wo er seinen ersten Roman „Archiv der toten Seelen“ vorgestellt hat, erzählt und liest mit Leidenschaft - darunter Tomaš Śalamun, die überragende lyrische Stimme Sloweniens der letzten Jahrzehnte, den obenerwähnten, früh verstorbenen Kosovel und Edvard Kocbek, von dessen riesigem Tagebuchwerk nichts ins Deutsche übersetzt ist.

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