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Buchmesse-Gastland Slowenien? : Hier ist der Bienenfleiß zu Hause

Bootsfahrt auf dem Fluss Ljubljanica, nach dem die Hauptstadt benannt ist. Cafés säumen die Ufer, weiter im Süden spenden Weiden Schatten für Flaneure, die sich auf großen Natursteintreppen niedergelassen haben. Früher ist der Fluss oft über die Ufer getreten und hat die Altstadt überschwemmt. Dann haben sich die großen Baumeister der Stadt darum gekümmert. Eine der Sehenswürdigkeiten, die Triple-Brücke, ist längst für Autos gesperrt. In den letzten sechs Jahren hat die Hauptstadt die Fußgängerzonen fast vervierfacht. Die kosmopolitische Jugend - Ljubljanas Universität ist ein Anziehungspunkt - gibt einem das Gefühl, an einem der quirligsten Reiseziele Europas zu sein, ohne dass man die Metropole vermissen würde.

Hier liegt die einzige Naturinsel des Landes

Wir fahren mit Jani Virk, einem 1962 geborenen Romanautor und Fernsehjournalisten, der uns nicht nur von seinem soeben auf Deutsch erschienenen Roman „Lachen hinter der hölzernen Trennwand“ erzählt, sondern auch von der Stimmung in den Balkanländern. Virk hält sich mit expliziten Urteilen über Sloweniens Nachbarn zurück, wie es auch sein Roman tut, eine Kindheitsgeschichte, die die politischen Konflikte von Krieg und Nachkriegszeit allenfalls streift. Doch in Bezug auf den gegenwärtigen Zustand Europas ist der Autor skeptisch. Die Balkanländer müssten eingebunden werden, findet er.

Historisch fragwürdig: Angeblich sind alle Personen auf den titoistischen Wandgemälden der Villa Bled real.

„Die Slowenen haben sich vor fünfzehn Jahren etwas anderes von Europa erhofft. Wir fühlen uns ein wenig wie die Katalanen in Spanien: ausgenommen.“ Virk erwähnt die Wasserquellen des Landes, die zu achtzig Prozent in die Hände ausländischer Konzerne übergegangen seien: „Das ist eine Enttäuschung.“ Halte er sich die heutigen Probleme vor Augen, falle der Vergleich für das frühere Jugoslawien fast schon schmeichelhaft aus. Man habe nicht schlecht gelebt in den siebziger und achtziger Jahren, sagt Virk, und gewisse Freiheiten habe es auch gegeben. Die Frage dahinter: Wer liefert für diesen erschöpften Kontinent eine Zukunftsvision?

Vielleicht muss man noch tiefer zurücksteigen in Sloweniens Vergangenheit. Tito, der große Einiger, die Vaterfigur, ist überall noch lebendig. Besonders stark in Bled, der hübschen Stadt nordwestlich von Ljubljana, die schon am frühen Morgen von asiatischen Touristen erobert wird. Der See von Bled beherbergt die einzige Naturinsel des Landes. Hier, im stillen Wasser und bei idealen Bedingungen, haben slowenische Ruderer trainiert, um es auf insgesamt 48 WM-Medaillen zu bringen, und dieses Postkartenpanorama führte Tito ausländischen Staatsgästen vor, wenn er sie in der „Villa Bled“, dem Old-World-Viersternehotel mit seinen opulenten Zimmerfluchten, zum Staatsbesuch empfing.

Es fehlen die leuchtenden Lenker

Nicht nur das Tito-Ölporträt, der Tito-Schreibtisch mit Stuhl und Tintenfass erinnern noch an die blockfreie Zeit, sondern auch das monumentale, den Partisanenkampf verherrlichende Wandgemälde, das angeblich nur reale Personen zeigt: heroische Bauern und Werktätige. Wenn man jetzt zur Burg von Bled hinaufsteigen würde, für die aber leider keine Zeit ist, könnte man auf der Abendmahlsszene in der hoch oben gelegenen Kapelle prüfen, ob der Judas wirklich die Züge Lenins trägt. Das nennt man gelebte Geschichte.

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