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Kinderpornographie : Die verkaufte Tochter Eva Ionesco

Eva Ionesco, 1975. Bild: SZ Photo

Eva Ionesco wurde in den Siebzigern von ihrer Mutter als Lolita vermarktet. Nun erzählt Simon Liberati, Ionescos Ehemann, diese Geschichte in einem Roman – und die Mutter will dessen Auslieferung verbieten lassen.

          3 Min.

          Im Jahr 1976 spielte sie in Roman Polanskis Film „Der Mieter“ die Tochter von Madame Gaderian. Damals hatte Eva Ionesco gerade den elften Geburtstag gefeiert. Im selben Jahr war sie in „Spermula“ zu sehen, 1977 in „Verbotene Spiele der Jugend“. Am 23. Mai zierte sie das Cover des „Spiegels“, der (in der Online-Version seines Hausarchivs) sein Titelbild inzwischen gelöscht hat.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Ende der achtziger Jahre wurde die 1965 geborene Eva Ionesco, deren Anfänge als Kinderpornostar noch immer keinerlei Anstöße erregten, eine seriöse Schauspielerin. Sie spielte im angesehenen Théâtre des Amandiers in Nanterre in Kleists „Penthesilea“ und im „Käthchen von Heilbronn“. Es gab Auftritte in Stücken von Tschechow und - unter der Regie von Luc Bondy - Dramen von Shakespeare. Den Fernsehzuschauern ist sie mit Verfilmungen von Georges Simenon und Georges Feydeau vertraut geworden.

          Keine Szene wurde beanstandet oder verboten

          Noch später wurde Eva Ionesco Filmemacherin. 2006 dreht sie ihren ersten, mittellangen Film „Das Gesetz des Waldes“. Das Debüt fiel so überzeugend aus, dass sie für ihr nächstes Projekt die finanzielle Unterstützung der staatlichen Filmförderung bekam: „My Little Princess“. Es war ihr erster abendfüllender Film, er wurde in Cannes außerhalb des Wettbewerbs gezeigt und erregte nicht nur wegen seiner künstlerischen Qualitäten Aufsehen. „Meine kleine Prinzessin“ ist eine Abrechnung mit der eigenen Mutter. Irina Ionesco ist 85 Jahre alt. Sie war mit ihren Eltern aus Rumänien nach Frankreich gekommen und Fotografin geworden. 1974 stellte sie in der Pariser Nikon-Galerie aus, später in der ganzen Welt. Sie arbeitete für renommierte Fotozeitschriften wie für Männermagazine - von „L’OEil“ bis zu „Penthouse“. Für den „Playboy“ porträtierte sie die Schauspielerin Sylvia Kristel - aus dem berühmten Softporno „Emmanuelle“ - und Elisabeth Huppert. Ihr langjähriger Lebenspartner war der Maler Corneille, Begründer der Cobra-Bewegung. Ihrer Autobiographie gab sie den Titel „Im Auge der Puppe“. Sie erzählt darin, dass sie nach einem Inzest geboren wurde.

          Seit Eva vier Jahre alt war, wurde sie von der Mutter in lasziven Posen abgelichtet. Auch an Kollegen vermietete und verkaufte sie ihr Kind, sie vermittelte es an Regisseure von Pornofilmen. Eva wurde zur Lolita der siebziger Jahre: Kein Bild, kein Auftritt, keine Szene wurde damals von einem Gericht beanstandet. Inzwischen sind sie in zahlreichen Fällen von der Justiz als pädophil eingestuft und verboten worden.

          Während des Drehs von einem Psychiater betreut

          Gegenstand von Prozessen sind sie erst, seit sich Eva und Irina Ionesco gegenseitig mit Klagen eindecken. Sie streiten um die kommerzielle Verwertung der Fotos und Filme, auch um die Herausgabe der Negative. Die Mutter verweist darauf, dass ihre Tochter sich als erwachsene Frau an der Vermarktung der pornographischen Inhalte beteiligt und viel Geld damit verdient habe. Doch am vergangenen 27. Mai verlor Irina Ionesco einen entscheidenden Prozess: Das Gericht entzog der Mutter das Recht, allein über den Umgang mit den pornographischen Produkten zu bestimmen, die sie als ihr künstlerisches Eigentum betrachtet und weiter verkaufen will. Von einem Einverständnis der Tochter als mündiger Person könne nicht ausgegangen werden, befanden die Richter. Eva will die Vermarktung stoppen.

          In ihrem autobiographischen Film illustriert sie ihre traumatische Jugend. Die Mutter, die Georges Bataille verehrt und von Isabelle Huppert gespielt wird, zitiert Nabokov und Lewis Carroll. Man könnte auch Hamilton, Balthus, Robbe-Grillet und den ganzen Zeitgeist einer Epoche bemühen. Für die Rolle der jungen Eva wurde ein aus Rumänien stammendes Mädchen ausgewählt, das während der Dreharbeiten von einem Psychiater betreut werden musste - das war eine Auflage des Sozialamts. Die Verfilmung setzt erst mit dem Alter von zehn Jahren ein: „Der Film bleibt weit hinter dem zurück, was ich erlebt habe.“

          Gemeinsam beim Koksen erwischt

          Und das, was er nicht erzählen konnte, verspricht nun ein Roman. Er trägt den Titel „Eva“, seine Auslieferung ist für Ende August geplant. Geschrieben hat ihn Simon Liberati, der vor vier Jahren für sein Buch über eine andere Schauspielerin („Jayne Mansfield 1967“) den Prix Femina, in dessen Jury ausschließlich Frauen sitzen, bekam. Liberati wird vom zeitgenössischen Literaturbetrieb gehätschelt wie einst Irina Ionesco. Sein erster Verleger war Frédéríc Beigbeder. In dessen Buch „Ein französischer Roman“ erscheint er als „der Poet“. Zusammen waren Beigbeder und Liberati beim Koksen auf offener Straße verhaftet worden.

          Simon Liberati und Eva Ionesco Ende Januar in Paris
          Simon Liberati und Eva Ionesco Ende Januar in Paris : Bild: Picture-Alliance

          Seine literarische Karriere hatte Liberati als Journalist bei Klatschmagazinen und Jugendzeitschriften begonnen, unter anderem als Autor des Horoskops, was er später damit begründete, dass er die Leser von dieser Pseudowissenschaft ablenken wollte. Auch den „Prix Flore“ bekam er schon. Beigbeder war Vorsitzender der Jury.

          Auch von ihrem Mann ausgestellt?

          Seit zwei Jahren ist der Bad- und Sonnyboy mit Eva Ionesco liiert, die Fotos von der Heirat waren exklusiv in „Vanity Fair“. Gegen den Roman des Schwiegersohns hat Irina Ionesco geklagt. Ein gutes Dutzend Stellen beanstandet sie, vertreten wird sie vom renommiertesten Pariser Anwalt in Sachen Freiheit der Kunst und Persönlichkeitsschutz, Emmanuel Pierrat. Dass in dieser Affäre noch irgendwelche Grenzen - der Gesetze, der Geschmacklosigkeit - übertreten werden könnten, ist doch mehr als fraglich. Gleichwohl wollte Pierrat mit einer provisorischen Verfügung die Auslieferung der bereits gedruckten 15.000 Exemplare verbieten. Das Gericht entschied am Freitag gegen die Klägerin und verurteilte Irina Ionesco zur Zahlung von 3000 Euro an den Verlag und den Autor.

          Das Szenemagazin „Les Inrockuptibles“ hat „Eva“ im Voraus zum „besten Roman“ der kommenden Saison hochstilisiert. Es bleibt der beklemmende Eindruck, dass Eva Ionesco nach der Misshandlung durch die Mutter auch von ihrem Mann ausgestellt und ausgebeutet wird.

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