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In Kracauers „Ginster“ verewigt: Friedel Hanckel, Buchhändlerin in Osnabrück Bild: privat

Romanfigur und ihr Vorbild : Als Kracauer seine Elfriede fand

  • -Aktualisiert am

Eine verletzbare und leicht exaltierte junge Frau, die vom Krieg nichts mehr hören will: Wie Siegfried Kracauer auf die Kritik einer Buchhändlerin reagierte, die ihm als Vorbild für eine Romanfigur diente.

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          Noch in den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges zog der damals neunundzwanzigjährige Siegfried Kracauer von Frankfurt nach Osnabrück, wo er eine Stelle als Architekt im dortigen Stadtbauamt erhalten hatte. Insgesamt blieb er drei Jahre in dieser Stadt. In Osnabrück lernte er – dies geht aus einem in Privatbesitz befindlichen bisher unbekannten Brief Kracauers hervor – auch eine Buchhändlerin kennen, die in seinem 1928 im Berliner Verlag S. Fischer publizierten Roman „Ginster“ als Buchhändlerin Elfriede wiederkehren sollte. Die Figur der Elfriede trat bisher nicht aus dem Bereich der literarischen Fiktion heraus.

          Der Brief Kracauers gibt allerdings Hinweise auf eine reale Person: Ihr Name ist Friedel Hanckel, geborene Wulff (1896 bis 1981), damals eine junge Buchhändlerin in Osnabrück. Als Kracauer seine Stelle im Osnabrücker Stadtbauamt antrat, hatte die damals zweiundzwanzigjährige, aus einer Osnabrücker Familie stammende Frau gerade den gebürtigen Berliner Buchhändler und Kriegsheimkehrer Bruno Hanckel geheiratet. Beide gründeten, nahezu gleichzeitig mit Kracauers Eintreffen, in der Osnabrücker Krahnstraße eine Buchhandlung. Dort muss Kracauer, offenbar noch im ersten Jahr seines Aufenthaltes, die Buchhändlerin kennengelernt haben. Das geht aus einem handschriftlichen Gedicht hervor, mit welchem er ihr ein Exemplar seines in der Zeitschrift „Logos“ publizierten Aufsatzes „Über die Freundschaft“ widmete. Dieses Gedicht ist auf den 5. Juni 1918 datiert, Kracauer wird also bereits gewusst haben, dass Friedel Hanckel am 6. Juni Geburtstag hatte.

          Das verlorene Schreiben

          1921 kehrte Kracauer nach Frankfurt zurück. Kurz darauf wurde er leitender Redakteur im Feuilleton der „Frankfurter Zeitung“, wo er bis zu seiner Emigration arbeitete. Vermutlich hatten Kracauer und Friedel Hanckel, nachdem der Schriftsteller Osnabrück wieder verlassen hatte, bis zum Erscheinen des „Ginster“ keine Verbindung mehr – zumindest haben sich weitere Briefe aus dieser Zeit nicht erhalten. Als der Roman dann erschien, wird er schnell in die Hände der Osnabrücker Buchhändlerin gelangt sein. Aus dem eingangs erwähnten, auf den 4. Dezember 1928 datierten, von Kracauer an sie gerichteten Brief geht jedenfalls hervor, dass sie „Ginster“ nicht nur kannte, sondern in einem vermutlich verlorenen Schreiben an Kracauer kritische Worte zur literarischen Projektion ihrer Person gefunden hatte. In seiner Antwort äußerte sich der Schriftsteller nun seinerseits zur Figur der Elfriede und bettete dies beschwichtigend in verschiedene Gedanken zum „Ginster“ ein.

          Einige wenige Stichpunkte zum „Ginster“: Kracauer hatte den Roman ohne Nennung seines realen Autorennamens veröffentlicht. Ginster ist der Name des jungen Mannes, der die Hauptperson des Buches ist. Im späteren Verlauf der Handlung trifft er auf die Buchhändlerin Elfriede. Ihre erste Begegnung wird im Roman wie folgt geschildert: „Ginster begab sich ... öfters in ein größeres Buchgeschäft, das an der Hauptstraße lag. Die Bücher im Laden wurden von einem Mädchen bedient, dessen Haare sich schneckenförmig über den Ohren wanden; wie Blätterteigstückchen im Frieden. Obwohl der Raum gut erwärmt war, schien Elfriede – so hieß, wie sich später herausstellte, das Mädchen – immer zu frieren, wenigstens hatte sie ein Batisttuch um sich geschlungen, auf dem Gräser zerflossen. Wenn sie, vor den Regalen stehend, die dünne Hülle höher zupfte, hatte Ginster den Eindruck, als zöge sie sich in eine eben erst geschaffene Wiese zurück, um die Sonnenstrahlen auf sich zu lenken.“

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