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Romanfigur und ihr Vorbild : Als Kracauer seine Elfriede fand

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Längere gemeinsame Spaziergänge

In späteren Passagen des Romans wird Elfriede als verletzbare und leicht exaltierte junge Frau geschildert, die vom Krieg nichts mehr hören will. Als Ginster die Buchhändlerin öfters zu treffen beginnt und im Frühling längere gemeinsame Spaziergänge folgen, bevorzugt Elfriede Ausflüge in den Wald. Während er bei diesen Gelegenheiten seine Zuneigung zu ihr anzudeuten sucht, wird sie nicht müde, ihren der Botanik unkundigen Begleiter auf die Tannen, Moose und sonstige den Weg säumende Gewächse hinzuweisen, so auch auf den ihm namensgleichen Ginster. Elfriede tut dies in einer solchen Ausschließlichkeit und Begeisterung, dass Ginsters Geduld auf harte Proben gestellt wird. Er fragt sich, wie sie wohl reagieren würde, sollte er ihre Pflanzenbegeisterung mit der ebenso kühnen wie unmöglichen Frage auf sich zu lenken versuchen, ob er sie vielleicht pflücken dürfe.

Friedel Hanckel, das geht aus Kracauers Brief von 1928 hervor, hatte sich in Elfriede wiedererkannt, ihre eigenen Charakterzüge aber in ihr nicht wiedergefunden. Kracauer spricht die Empfängerin in seiner Antwort nicht namentlich an, vielmehr beginnt er das Schreiben mit einem lakonischen „Guten Tag“. Seine folgenden Worte machen deutlich, dass Kracauer sie vom Erscheinen des Romans nicht informiert hatte. Wie er schreibt, habe er Angst vor einer ungünstigen Aufnahme des Buches gehabt und es daher dem Zufall überlassen, ob der „Ginster“ zu ihr fände. Er äußert Verständnis für ihr anfängliches Unbehagen beim Lesen, hält sich dann aber erleichtert an ihre offenbar auch amüsierte Reaktion: „dass Sie lachen mussten, bestätigt doch auch meine Kunst. (Um ganz davon zu schweigen, dass mich die persönliche Zartheit des Briefs glücklich gemacht hat).“

Privatleben neben dem Roman

Kracauer betont, die Elfriede sei eine weitgehend fiktionale Figur, in der er zwar Osnabrücker Erinnerungen benutzt, dann aber eben frei darüber verfügt und manches hinzuphantasiert habe. Dies sei ihm umso mehr zu glauben, als er auch die im Roman verarbeitete Außenwelt verändert sowie andere in der Handlung häufig vorkommende reale Personen wie seine Mutter und Tante – Rosette und Hedwig Kracauer, beide 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet – so sehr verändert habe, dass sie im Roman nur noch mittelbar zu erkennen seien. Auch sich selbst nimmt er nicht aus: „Und ich selbst, der Ginster? Bin ich so? Ja, und mehr noch: Nein. Mein Privatleben mitsamt meinen Erinnerungen läuft unabhängig von dem Roman neben ihm her.“

Der Brief schließt mit Bemerkungen über Kritikerreaktionen. Von seinem Freund Joseph Roth abgesehen – Kracauer hatte dem Brief offenbar Roths Rezension beigelegt –, hätten bisher alle Kritiker „Ginster“ verrissen. Nichts anderes habe er auch erwartet: „denn sehen Sie, mein Buch richtet sich ja gegen den gesamten gebildeten Mittelstand, der derzeit in Deutschland herrscht.“

Verständnis für Elfriede

Nahezu vier Jahrzehnte später, Kracauer lebte längst in New York, kam es noch einmal zur Korrespondenz mit der Buchhändlerin. In einem auf den 1. Juli 1964 datierten Brief, der sonst von ganz anderen Themen handelt, versäumt es Kracauer dennoch nicht, noch einmal um wohlwollendes Verständnis für seine Figur der Elfriede zu werben. In einem auf den 7. April 1965, einem Jahr vor Kracauers Tod, datierten Brief taucht das Thema der Elfriede dann noch ein letztes Mal auf: Friedel Hanckel solle ihm „nicht boeser sein, als es unbedingt notwendig ist“.

Die Buchhandlung in Osnabrück wurde 1942 zwar vollkommen ausgebombt, nach dem Krieg aber von Friedel und Bruno Hanckel noch etliche Jahre weitergeführt. Unter anderem Namen besteht sie bis heute. Friedel Hanckel verbrachte die letzten fünfzehn Jahre ihres Lebens in Gauting bei München. Ihre Leidenschaft für Bäume und Pflanzen aller Art hatte sie bewahrt, täglich unternahm sie ausgedehnte Spaziergänge in den Wald und schloss, wie sie es nannte, „Waldfreundschaften“ mit anderen Spaziergängern. Ihre Angewohnheit, Stimmungsbilder, Wünsche und Gedanken handschriftlich auf kleinen Zetteln ohne Anrede zu äußern – auch Elfriede lässt Ginster ähnliche Zettel ins Osnabrücker Stadtbauamt überbringen –, behielt sie bis zuletzt bei.

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