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Bachmannpreis für Sharon Otoo : Klagenfurt kreißt und legt ein Ei

Noch kann sie es kaum glauben: Die frisch gekürte Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo Bild: dpa

Mit Deutsch als Fremdsprache geht es doch auch: Sharon Dodua Otoo gewinnt den Bachmann-Wettbewerb. Auch der Rest überzeugt mit Texten aus ungewohnter Perspektive.

          5 Min.

          Eine Geschichte aus Klagenfurt geht so: In alten Zeiten musste der Nachtwächter vom Turm der Stadtkirche zu jeder vollen Stunde in sein Horn blasen und sich dabei in alle Himmelrichtungen drehen. Um Mitternacht durfte er nur nach Westen, Norden und Osten blasen, um nicht im Süden die Toten auf dem Friedhof St. Ruprecht zu wecken. In einer Nacht aber, schwer bezecht und gehänselt von seinen Kumpanen, wollte er es wissen: Obwohl seine Frau ihn unter Tränen davon abzuhalten versuchte, blies er Richtung Süden, und eine Schar Skelette kroch auf den Turm zu. Der ist zum Glück hoch, noch heute ragt er weit über die Altstadt, und bis die Skelette ganz oben waren, schlug es eins, und der Spuk war vorbei. Man wüsste gern, was danach in dem Türmer überwog: das Entsetzen über das, was er angerichtet hatte, oder der klammheimliche Stolz über den Erfolg seiner Darbietung: Ein Auftritt, der die Toten aus ihren Gräbern lockt - das ist schon was!

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Ob der Schriftsteller Burkhard Spinnen solche künstlerischen Wagnisse meinte, als er in seiner Eröffnungsrede zum vierzigsten Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis von den vierzehn Autoren „riskante Texte“ forderte und von der siebenköpfigen Jury die Bereitschaft, „diese Risiken mitzutragen“, mag man bezweifeln; und auch, ob die Stimulanzien des Türmers generell die Produktion gewagter literarischer Texte befördern. Mit der Ausbeute des diesjährigen Wettbewerbs aber kann man zufrieden sein. Die Autoren trauten sich was und natürlich auch die Juroren, die durch ihre Auswahl sperrigen Texten den Auftritt ermöglichten. Das Wagnis fing mit dem Vortrag an, denn zu den Besonderheiten dieses Literaturwettbewerbs vor Publikum gehört seit jeher das performative Element, lange bevor die Poetry Slams aus dem Boden schossen. Tatsächlich wurde gesungen, geseufzt, geflüstert und auch mal länger geschwiegen, es wurde gestikuliert und grimassiert oder mit stoischer Miene und gleichförmiger Stimme Ungeheures vorgetragen. Was allerdings in einem solchen Rahmen als Risiko gelten mag, darüber gingen die Meinungen auseinander. War es beispielsweise die schwierige Form der Miniaturen, war es der anstößige, weil politisch missverständliche Inhalt, oder war es gar das betont konventionelle Erzählen, das gerade bei einem Nachwuchswettbewerb als Provokation erscheinen konnte?

          Das erwartete Feuerwerk

          Aus Anlass der Texte diskutierte die Jury um den Vorsitzenden Hubert Winkels jedenfalls gern grundsätzliche Fragen, darunter die nach der notwendigen Mitarbeit des Lesers oder Zuhörers, damit ein Text sich überhaupt entfalten könne. Und damit auch die nach den schicklichen Grenzen dieses Auftrags: Natürlich kann der berühmte Hohlklang beim Zusammenstoß von Kopf und Buch auch einmal dem Buch geschuldet sein, und wie gut diese Jury in der Summe zusammenarbeitet, zeigte sich beim wechselseitigen Monieren allzu wohlwollender Interpretationen der anderen. Aber umgekehrt ist auch Blindheit immer schlecht, nicht nur für professionelle Kritiker; und die Augen einfach zuzukneifen, wenn der Text seine Signale aufstellt, ist auch nicht ideal. Speziell die Jurydiskussion über Bastian Schneiders Miniaturenreigen „Mezzanin: Stücke“ hätte von der genaueren Lektüre des allerersten Satzes profitieren können. „Niemand ist eine Insel, aber ...“, so fängt der Satz an, und genau dieses Spannungsverhältnis zwischen Isolation und erwünschter Teilhabe am Leben der anderen hält dann in der Folge diese 29 klug gebauten Kürzesttexte zusammen, deren vermeintliches Auseinanderfallen heftig beklagt wurde.

          Die Frage der Teilhabe am Schicksal der anderen erwies sich überhaupt als eines der geheimen Zentren des Wettbewerbs. So entfachte Stefanie Sargnagel mit ihrem Text „Penne vom Kika“, der mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, das erwartete Feuerwerk: Ihre Protagonistin, eine junge Frau, die Texte für Zeitschriften verfasst und sich für diese Arbeit beredt und metaphernselig hasst, steuert zwischen Trübsinn und Größenwahn durch zwei Tage, in denen sie vor jeder fremden Berührung zurückschreckt und zugleich voller Interesse am erzählten Schicksal anderer ist, je drastischer, desto besser. Und während sie dann in einer Kaschemme steht, deren Boden gerade gewischt wird, weil das Blut eines Gasts darauf tropfte, fällt dann ein Satz, den man zentral nennen möchte: Sie solle sich nicht so haben, sagt der Kellner, so ein Unglück passiere ständig. Sicher, sagt sie überraschend, aber „deshalb ist es nicht wurscht“.

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