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Schwülstige neue Bücher : Gegen das gewaltige Gewoge!

Was soll dieser Bedeutungssound, diese Mischung aus biblischem Vokabular, Pathos, lyrischen Rhythmen, Alliterationen, Wortwiederholungen und Wortumstellungen im Satz? Bild: Picture-Alliance

Was ist eigentlich schlimmer: der hohe Ton, die angestrengte Wortwahl, der prätentiöse Bildungsprotz so mancher Neuerscheinungen? Über einen Stil, der nur von Ehrgeiz und Eitelkeit zeugt.

          Neulich hat der Schriftsteller Feridun Zaimoglu ein Interview gegeben. Zaimoglu ist mit seinem neuen Buch „Die Geschichte der Frau“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, einem Roman, der vom Verlag Kiepenheuer & Witsch als „feministisches Manifest“ angepriesen wird, als „unverfrorenes Bekenntnis zur Notwendigkeit einer neuen Menschheitserzählung – aus der Sicht der Frau“. Es sind Frauen, denen es vorbehalten gewesen sei, „schweigend unsichtbar zu bleiben oder dekorativ im Bild zu stehen“. Bei Feridun Zaimoglu sprechen sie jetzt – „klar und laut, wie eine abgefeuerte Kugel“: Zippora, die schwarze Frau des Moses, Antigone, Judith, Brunhild, die als Hexe verurteilte Prista Frühbottin oder Valerie Solanas, deren Mordversuch an Andy Warhol scheiterte.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wie werden Sie diese Frauen?“, wurde der Autor im Interview bei „Spiegel online“ gefragt. „Jetzt werde ich dramatisch“, antwortete Zaimoglu, „aber mein Leben ist die Literatur. Ich mache Gewaltmärsche, ich schlafe schlecht, ich wache und wandle wie ein flackernder Geist, um mich einzustimmen. Meine öde Existenz ist völlig unwichtig, ich zerfalle im Text. Ich muss mich in dieser fremden Gestalt auflösen. Das ist zehn Mal geschehen. Es stellt sich ein besonderer Ton ein, plötzlich bin ich nicht mehr außerhalb. Ich bin es, ich bin die Frau. Ich bin Hildrun, ich bin Valerie Solanas. Es dauert viele Wochen, bis ich so weit bin. Dann setze ich mich hin und schreibe. Um all das in der nächsten Geschichte wieder zu verwerfen.“

          Der Ton versperrt den Blick

          Aber stimmt das? Ist Zaimoglu alle Frauen? Oder werden im Roman alle Frauen zu Zaimoglu, indem er sie zu Wort kommen lässt? Geht es also in „Die Geschichte der Frau“ um einen Auflösungsprozess oder um einen Prozess der großen Zaimoglu-Aneignung?

          Man muss nicht sehr lange im Roman lesen, um die Antwort zu finden. Denn tatsächlich dringt man zu den Frauen, die hier sprechen, gar nicht vor, fühlt nicht mit ihnen mit, begreift auch nicht, wer sie wirklich sind, weil die ganze Zeit die Sprache im Weg herumsteht. Der Ton versperrt den Blick, weil alles Ton ist in diesem Roman. Man kennt das schon von Zaimoglu. Zuletzt erfand er in seinem Luther-Buch „Evangelio“ eine Sprache, die so klingen sollte, als wäre sie von 1521: „Eine Knochenmühle wird die Welt. Er aber vergisst den Schmerz, vergisst den bellenden Leviathan, und übersetzt Gott ins Teutsche“; „In kommende Kämpfe mengt sich der Frater, ohne zu wissen, wen er zum Kampfe peitscht“; „Ihm geht das Maul auf, wenn der Wein eingeht. Da spricht er Pfaffenlatein, die Worte schwimmen empor“. Jetzt ist es nicht besser: „Mann meiner Liebe, was entquillt deinem Angesicht, das du verhüllen musst, damit die Männer deines Stammes nicht vor Schmerz aufschreien“, heißt es mit alttestamentarischer Anmutung im „Zippora“-Kapitel; „Die Sünde keimt. Ein Gewoge ist in mir“ bei „Judith“; „Ich bin die Mahr, die böse Schleiche“, bei „Brunhild“.

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