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Schwülstige neue Bücher : Gegen das gewaltige Gewoge!

„Genüsslich“ lasse sie sich auf die „farcenhaften Episoden und die skurrilen Winkelzüge der Berliner Museumsbürokratie ein, an denen das deutsche Grabungsunternehmen am Euphrat so reich“ sei, hieß es schwärmerisch im Deutschlandfunk. Aus den Archiven habe Cusanit „die tollsten Kuriositäten zutage gefördert“. Und der „taz“ kam Michel Foucaults „Archäologie des Wissens“ in den Sinn: Ähnlich wie die Forscher bei ihren Grabungen erst nicht wussten, worauf sie achten mussten, gehe es einem beim Lesen. Die Architektur des Textes erschließe sich in einem Lernprozess, in dem man ertaste, was zum Baustoff der Geschichte gehöre und was nicht.

Kenah Cusanit

Für Kenah Cusanit ist das ein toller Erfolg. Für die Kritik allerdings bezeichnend, dass sie der Sprache, in der dieser Roman geschrieben ist, keine besondere Beachtung schenkt und sie auch nicht länger zitiert. So fängt man aufgeschlossen zu lesen an – und findet folgende erste Sätze: „Es war ein mesopotamisches Gelb. Wie gemacht zum Davorstehen, Hinsehen, Aquarellieren – seine Lieblingsart, diese Gegend zu kartieren. Schlamm als Impression, Lehm, der sich durch das Wasser bewegte, indem er sich drehte. Koldewey sah aus dem Fenster seines Arbeitszimmers, nirgendwo davorstehend, nichts kartierend.“ Nicht kartierend? Nirgendwo davorstehend? Warum so geschwollen? Warum „flankierten“ Holzsäulen den Gang? Warum „passierte“ ein „gedankliches Stöhnen ihm fast die Lippen“? Warum „erkennten“ die anderen „seinen Raabe’schen Humor“ nicht? „Abdominale Umschläge“? „Alluviale Ruhe“? Und warum muss, um zu erzählen, dass der Forscher Koldewey eine Blinddarmentzündung hat, dieser in „Liebermeisters ,Grundriss der inneren Medizin‘“ unter „Appendizitis“ nachgucken?

Kenah Cusanit macht nicht das, was Feridun Zaimoglu macht. Sie erfindet nicht einen Einheitssound, mit dem sie alles zum Klingen bringen will. Sie ahmt auch nicht wie Thea Dorn mit bestimmten Versatzstücken die Sprache einer Epoche nach, wie sie geklungen haben könnte. Sie kommt aber andauernd mit gespreizter Bildungsrhetorik daher, sie pumpt ihren Roman über den Enzyklopädisten und Universalgelehrten Koldewey voll mit enzyklopädischem Wissen und Gelehrsamkeitsformeln, mit Listen, Briefzitaten, Grabungsschilderungen und essayistischen Passagen.

Und dieses ausgegrabene Kulturgut zu besichtigen ist nicht nur nicht besonders spannend, eben weil es so unglaublich bemüht ist. Es versperrt – und darin ist der Effekt dann doch der gleiche wie der bei Feridun Zaimoglu – den Blick auf das, was erzählt wird. Es steht immerzu im Weg herum in seiner Literaturhaftigkeit: „Lehm, der sich durch das Wasser bewegte, indem er sich drehte. Wissen, das sich durch den Kopf bewegte, indem es sich drehte.“

Alles ist in Bewegung, klar, und alles ist irgendwie ambivalent, weshalb sich der Kritiker der „Zeit“ zu der schönen Bemerkung hinreißen ließ, dass man „diesen flirrenden Roman nicht zusammenfassen“ könne, „ohne Gefahr zu laufen, die tanzenden Ambivalenzen durch Eindeutigkeit plattzuwalzen“.

Denn platt sein, banal sein, eindeutig sein muss unter allen Umständen vermieden werden in diesen stattdessen völlig überdeterminierten Bildungsromanen, die die Kritik so liebt, weil sie anhand dieser Bücher ihre eigene Universalgelehrsamkeit so schön vorführen kann. Sie sind voll auf der Höhe, was ein erhabener Effekt sein mag, aber eben nur ein Effekt. Eine äußerliche Wirkung, die nicht vermag, was Literatur im besten Fall doch eigentlich anrichtet: Wahrnehmung schärfen, verunsichern, existentiell erschüttern, Leben verändern. Dazu braucht sie keine Partizipialkonstruktion und manchmal noch nicht mal ein Adjektiv. Es kann passieren, dass ein einfacher Satz reicht.

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