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Schwülstige neue Bücher : Gegen das gewaltige Gewoge!

Und es geht immer so weiter. Bald verschwimmt alles in Zaimoglus eigentümlichem Bedeutungssound, in dieser Mischung aus biblischem Vokabular, Pathos, lyrischen Rhythmen, Alliterationen, Wortwiederholungen, Wortumstellungen im Satz, die offenbar verhindern sollen, dass mal ein Subjekt neben einem Prädikat neben einem Objekt stehen könnte. Wäre ja auch banal und unbedeutend. Um Bedeutung geht es, genauer gesagt aber leider nur um Effekte von Bedeutung, ein lautes, buntes Feuerwerk, von dem am Ende nichts bleibt außer der Erinnerung an den Feuerwerksmeister: Feridun Zaimoglu.

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu

Die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse freut sich: „Feridun Zaimoglu gräbt sich mit berserkergleicher Kraft in die Weltgeschichte hinein und findet diejenigen, die bislang hinter den Stimmen ihrer Männer verborgen blieben: die Frauen“, heißt es in der Begründung für seine Nominierung, die die „taz“ mit der berechtigten Frage kommentierte, ob es ausgerechnet „Berserker“ brauche, um die Frauen zu finden.

Aber auch schon Zaimoglus nicht weniger berserkerhafter Luther-Roman war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Es ist schon lustig. Da schreibt einer eine Prosa, die wie ausgedacht klingt für Feuilletonredakteure, mit möglichst viel Hochkultur im Gepäck, in einem hohen Ton, der in Wirklichkeit alles gleichmacht – und die Kritik ist begeistert. Die Rechnung geht auf. Die Lektüre wird zum Distinktionsgewinn. Man fühlt sich offenbar irgendwie schlau oder in seinem Gebildet-Sein bestätigt – ein Effekt, der einen an „Die Unglückseligen“ erinnert, den Roman der Schriftstellerin und Kritikerin Thea Dorn.

Eine moderne deutsche Wissenschaftlerin arbeitet darin an der Frage der Unsterblichkeit und Regenerationsfähigkeit von Lebewesen, indem sie Gene von Zebrafischen in Mäuse einkreuzt, und begegnet einem seltsam alterslosen Mann, der sich als der Physiker Johann Wilhelm Ritter, geboren 1776, zu erkennen gibt. Für Ritter erfindet Thea Dorn ein goethezeitliches Altfränkisch, das zum Beispiel so klingt: „Bekennen muss ich bass: Nicht will sich’s erschließen, welche krause Absicht du verfolgst. Doch eins, Canaille, sag ich dir: Wenn jener Kostbaren ein Leid geschieht – trägst Schuld daran alleinig du!“ Wer das charmant findet, hält auch den Meister Yoda aus dem „Krieg der Sterne“ für Laurence Sterne.

Ganz außer sich ist die Literaturkritik in diesem Frühjahr aber auch noch über einen anderen Bildungsroman. Es ist das Debüt der Altorientalistin, Ethnologin und Lyrikerin Kenah Cusanit. „Babel“ heißt das im Hanser-Verlag erschienene und ebenfalls für den Preis in Leipzig nominierte Buch, das von dem Archäologen Robert Koldewey handelt, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im Auftrag der Deutschen Orientgesellschaft im Zweistromland Babylon ausgräbt. Als ein „fein verästelter Essay über Kultur“ lobte ihn die „NZZ“, als „kluge Feier der Vielsprachigkeit“, die die „Codes der Wissenschaften, der Religionen und der Kunst mit großer Lust“ nebeneinanderstelle.

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