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Literaturnobelpreis : Neues aus Bullerbü

  • -Aktualisiert am

Wochenlang kreiste um die Verbliebenen ein Sturm der öffentlichen Empörung: Jahressitzung im Jahr 2011. Bild: dpa

Stirbt die Akademie dahin, oder fruchtet die Blockadepolitik? Das Nobelpreisdrama bleibt spannend. Unterdessen trommeln Kulturschaffende Mittel für einen „alternativen Nobelpreis“ zusammen.

          Von der Schwedischen Akademie waren seit Monaten nur dramatische Nachrichten zu hören. Sie zerstritt sich über die angemessene Reaktion auf die Vorwürfe, die im Rahmen der „MeToo“-Debatte gegen den Ehemann eines Mitglieds erhoben worden waren. Die Schlagzeilen handelten aber auch von Nobelpreisgewinnern, die der Mann vorzeitig weitergeflüstert haben soll, und der finanziellen Unterstützung, die sein Kulturclub von der Akademie erhielt.

          Drei Mitglieder verließen dabei aus Protest gegen die lasche Haltung einer Mehrheit von Akademiemitgliedern ihre Sitze, weitere wie Akademiesekretärin Sara Danius folgten. Wochenlang kreiste um die Verbliebenen ein Sturm der öffentlichen Empörung, der sich zum Imageproblem für das wichtigste Aushängeschild der Akademie, den Literaturnobelpreis, auswuchs. Schließlich der Knall: Die Akademie teilte mit, den Preis für das Jahr 2018 mit Blick auf die Lage erst im kommenden Jahr zu vergeben, gemeinsam mit dem Preis für 2019.

          Die Abtrünnigen haben eine Strategie

          Wird es nun ruhiger? Das kaum, und die Sache wird ja auch lang nicht vom Tisch sein. Für einen Moment schien sich Donnerstag aber zumindest eine Lösung für das formale Problem abzuzeichnen, das die Sanierung der angeschlagenen Einrichtung erschwert. Wir erinnern uns: Als die ersten Empörten ihre Sitze im April verließen, war ein Austritt laut Satzung nicht möglich. Sie galten auf dem Papier weiter als Mitglied, so wie auch die Schriftstellerin Kerstin Ekman, die seit dem Streit um Salman Rushdie 1989 nicht mehr an den Sitzungen teilnahm, und Lotta Lotass, passiv seit 2015, formal weiter als Mitglieder galten. Wer gewählt war, gehörte bis zum Lebensende zu den „achtzehn“, so oder so.

          Der Preisträger des Jahres 2017, Kazuo Ishiguro, mit der ständigen Sekretärin Sara Danius (rechts).

          Diese Regel änderte der schwedische König im Zuge der Krise – woraufhin vier Mitglieder (unter ihnen Ekman und Lotass) ihren Austritt förmlich erklärten und austreten durften. Trotzdem blieb die Situation delikat: Die vier anderen Mitglieder nämlich, die sich im April aus der Arbeit zurückzogen (drei Protestler plus Katharina Frostenson, deren Ehemann im Mittelpunkt des Skandals steht), reichten bislang kein Austrittsgesuch ein. Und für die Wahl neuer Mitglieder braucht es laut Regelwerk die Mitwirkung nicht von zehn Aktiven, sondern zwölf.

          Dieser Umstand könnte theoretisch das langsame Dahinsterben der Akademie bedeuten. Aber das Verhalten der Abtrünnigen, die formal blieben, ist auch Teil ihrer Strategie. Solange sie ihre Mitwirkung an Neuwahlen verweigern, können die passiven Mitglieder Kjell Espmark, Peter Englund und Sara Danius Druck auf die aktiven ausüben – insbesondere auf Horace Engdahl, der den Skandal seit Monaten kleinzureden versucht.

          Die Sommerpause ist vorbei

          Überraschend schien Kjell Espmark nun am Donnerstag die temporäre Rückkehr des Trios anzukündigen, um die Besetzung der vakanten Stühle ermöglichen zu können: als „begrenzte Aktion.“ Aber der augenblicklich losbrausende Nachrichtenwirbel bekam wohl eine missverständliche Tendenz. Jedenfalls verdeutlichte das Trio bereits am Freitag in einer gemeinsamen Erklärung, man kehre – anders als in den Medien dargestellt – keineswegs zur Arbeit in der Akademie zurück: „Das ist falsch. Wir können möglicherweise – möglicherweise – an wichtigeren Abstimmungen teilnehmen, nichts anderes.“ Das unterscheidet sich kaum von dem, was das Trio im Mai, verknüpft mit einer Rücktrittsforderung an Horace Engdahl, sagte.

          Oder doch? Schließlich deutete Espmark jetzt an, dass die Zukunft der Akademie wichtiger sei als diese Personalie. Fest steht: Die Sommerpause ist auch in Schweden vorbei. Auf der Shortlist des alternativen Literaturnobelpreises, der im Juli von rund hundert Kulturschaffenden gegründet wurde, die ihre „Neue Akademie“ nach der Preisvergabe im Dezember gleich wieder auflösen wollen, stehen unterdessen die Namen Maryse Condé, Kim Thúy, Neil Gaiman sowie – Haruki Murakami. Das wär’s noch. Wenn ausgerechnet der Autor, dessen Name so oft für den echten Nobelpreis gehandelt wurde, auf diesem Wege einen Anruf aus Stockholm erhalten würde.

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