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Alternativer Nobelpreis : Der Preis, den die Autoren fürchten werden

Schweden, Stockholm: Eine Medaille mit dem Konterfei von Alfred Nobel ist am im Nobel Museum zu sehen. Bild: dpa

Haben Sie am Todestag Alfred Nobels schon was vor? Der Literaturpreis zumindest wird in diesem Jahr nicht verliehen. Dafür planen hundertsechs Schweden einen Ersatz. Aber sie haben etwas übersehen.

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          Der Literaturnobelpreis wird in diesem Jahr nicht verliehen, weil der Schwedischen Akademie, aus der sich die Jury rekrutiert, nach der Aufdeckung diverser Skandale (Missbrauch, Indiskretionen) durch Rück- und Austritte derzeit acht von achtzehn Mitgliedern fehlen. Dabei gibt es 106 Schweden, die nichts lieber täten, als den Literaturnobelpreis zu verleihen, und sich deshalb nun für ein halbes Jahr zur Nya Akademien, der Neuen Akademie, zusammengeschlossen haben.

          Ihre Absicht: Ein Nya Litteratur-Priset (neuer Literaturpreis) soll einmalig in diesem Herbst anstelle des abgesagten Nobelpreises vergeben werden, zum selben Termin wie das Original, mit demselben Anspruch, allerdings nicht mit demselben Preisgeld (acht Millionen Kronen, also zirka 766.000 Euro).

          Gewinner mit Einschränkungen

          Von einer Dotierung ist sogar gar keine Rede, dafür umso mehr vom Antrieb: „Wir wollen die Menschen daran erinnern, dass Literatur und Kultur allgemein Demokratie, Transparenz, Empathie und Respekt vermitteln sollen.“ Autoren jeglicher Sprache, die in diesem Sinne schreiben, können noch bis zum 8. Juli für den Preis nominiert werden, sofern sie mindestens zwei Bücher veröffentlicht haben, von denen eines aus den vergangenen zehn Jahren stammen muss. Vorschlagsrecht haben alle schwedischen Bibliothekare, eine nominelle Steigerung gegenüber jenen knapp siebenhundert Personen und Institutionen, die Jahr für Jahr von der Schwedischen Akademie um Vorschläge gebeten werden, aber ein qualitativer Abstieg, weil die internationale Streuung dieser Nominierungsgruppe wegfällt.

          Über die Vorgeschlagenen soll dann im Internet öffentlich abgestimmt werden können, und aus den vier dabei meistgenannten Kandidaten wird schließlich durch eine Jury, der die Journalistin Ann Pålsson vorsteht, der Preisträger bestimmt, den man, wie bislang die Literaturnobelpreisträger, am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Nobel, ehren will. Dass er dafür Zugang zum traditionellen Festakt in Stockholm bekommen wird, ist nicht zu erwarten.

          Dort wurden ja auch die Gewinner des Alternativen Nobelpreises, der seit 1980 für Leistungen auf dem Gebiet der Ökologie und Armutsbekämpfung vergeben wird, nie empfangen. Und die bekommen immerhin fast so viel Geld wie die echten Nobelpreisträger, allerdings zweckgebunden für ihre Projekte. Das würden wohl auch die Schriftsteller beim Alternativen Literaturnobelpreis gerne so gehalten sehen, aber außer ihrem Idealismus haben die Initiatoren nichts zu bieten. Man kann sich vorstellen, wie an einem Donnerstag im kommenden Oktober wieder die große Nervosität unter den Weltliteraturautoren einsetzt: Kommt ein Anruf aus Stockholm? Wobei man diesmal damit rechnen muss, dass der Empfänger nicht abnimmt oder die Mobiltelefone gleich ganz ausgeschaltet bleiben. Denn wenn es sich bestätigen sollte, dass 2019 wieder der traditionelle Preis verliehen wird (angeblich sogar doppelt, um das ausgefallene Jahr nachzuholen), dürfte der alternative Preisträger dieses Jahres dafür verbrannt sein.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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