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Schriftstellerin Isabelle Lehn : Mein Körper, mein Feind

Schriftstellerin Isabelle Lehn Bild: A. Sophron

Die Schriftstellerin Isabelle Lehn liest im Frankfurter Mousonturm aus ihrem Roman „Frühlingserwachen“ und erkundet dabei im Gespräch mit Moderatorin Lucy Fricke die weibliche Anatomie.

          Das Thema Kinderlosigkeit vermied Isabelle Lehn geschickt an diesem Abend im Frankfurter Mousonturm, als sie aus ihrem Roman „Frühlingserwachen“ las, und es war erstaunlicherweise die Moderatorin Lucy Fricke, ebenfalls Schriftstellerin, die im Gespräch plötzlich beinahe unerhört persönlich wurde und von ihrer ungewollten Kinderlosigkeit erzählte. Nach vielen gescheiterten Versuchen mit einem Mann, zu dem die Liebesbeziehung inzwischen zerbrochen ist. Isabelle Lehn indes verschanzte sich hinter einem ästhetischen Schutzwall, aber es handelte sich ja auch um eine Lesung und keine Therapiesitzung. Sie sprach also über ihre Protagonistin, die ebenfalls Isabelle Lehn heißt, weil „ich auch nur ein zweckmäßiges Wort für jemanden ist, den es nicht wirklich gibt“.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diese Roman-Isabelle-Lehn hadert mit ihrem dysfunktionalen Körper, der alle vier Wochen blutet, schmerzt und schwitzt, der juckt, blaue Flecken hat, sexuell gierig ist und kein neurochemisches Gleichgewicht herzustellen vermag, weshalb er Antidepressiva braucht. Nicht einmal schwanger werden möchte dieser Körper, selbst nach einer künstlichen Befruchtungstortur, nicht. Einmal heißt es: „Ich sitze auf der Kloschüssel und heule vor Angst. Das Leben fließt aus mir heraus. Ich gebäre Brocken von Blut, die irgendetwas mit mir zu tun haben. Mein Körper stülpt sich von innen nach außen.“ Man muss gar kein Menstruationsprosa-Fan sein, aber es war schon bemerkenswert, dass Lucy Fricke zwar die Drastik des Tons bewundernd hervorhob (hätte sie sich selbst nie getraut), aber nicht weiter fragte, wie sehr dieser (normale!) Körper dem absurd idealisierten Bild des weiblichen, unbefleckten, perfekten Instagram-Körpers widerspricht. Vielleicht hatte das schlicht mit Scham zu tun. Explizite Körperlichkeit, zu der auch die sexuelle Lust der Exzesse liebenden Protagonistin gehört, lässt sich eben am sichersten auf literarischer Metaebene verhandeln.

          Alles eine Frage des Willens

          Fragt man Isabelle Lehn selbst, erzählt sie von ihrem Auftritt beim Lesefestival in Hamburg, bei dem die Autoren mit dem Publikum in kleinen Runden zusammensitzen und diskutieren. So einen intensiven Austausch habe sie zuvor noch nicht erlebt. Es waren hauptsächlich Frauen unterschiedlichen Alters, denen bei der Lektüre von „Frühlingserwachen“ ein Stein vom Herzen gefallen sei.

          Endlich hatten sie hier eine bis zur Schmerzhaftigkeit offene, triebhafte Protagonistin vor sich, der es ergeht, wie es ihnen selbst oft ergeht. Das klingt zwar erst einmal nach einem Befreiungsakt, hat aber auch etwas Erschreckendes. Wird das Natürliche als Makel empfunden, ist der Körper zum Feind geworden. Auch wenn manche Leserinnen, die Isabelle Lehn sogar per Mail fragen, wie sie die Sache mit den Antidepressiva und dem Schwitzen in den Griff bekommen habe, enttäuscht sind zu hören, dass ihre Verbündete im Geiste nur auf dem Papier existiert, bleibt der Trost. Davon kann es in einer auf perfekte Körperoberflächen fixierten Bilderwelt, die über unzählige Kanäle ein unerreichbares Weiblichkeitsideal verbreitet, offenbar gar nicht genug geben. „Ich glaube, dass durch diese Bilderwelten eine Entfremdungserfahrung entsteht. Einerseits ist der weibliche Körper perfekt, haarlos, er riecht nicht, blutet nicht – all die Dinge, die der Körper in meinem Roman nicht leisten kann, die kein Körper leisten kann“, sagt Isabelle Lehn.

          Suggeriert wird einem trotzdem ständig, dass man mit genügend Disziplin, Anstrengung, gesunder Ernährung, Sport und Enthaltsamkeit die eigene Oberfläche maximal optimieren kann – alles eine Frage des Willens. „Einen offensichtlich nicht perfekten Körper zu haben geht heute viel mehr mit dem Gefühl des Scheiterns, des Versagens einher.“ Wenn der Körper trotz aller Zurichtungsversuche nicht liefert, steigert das die Enttäuschung ins Unermessliche. Daraus, so Lehn, entstehe in der Selbstbetrachtung bei vielen eine große Hilflosigkeit.

          Die Wahl zwischen Ohnmacht und Amnesie

          Isabelle Lehn ist gerade vierzig geworden. Sie hat ein paar graue Haare, was manche Leute irritiere, erzählt sie, als widersprächen ein junges Gesicht und graue Strähnen einander. Sie glaubt, dass das Altern für ihre Generation auch deshalb so schwierig sei, weil die Adoleszenz immer länger dauert. Alles zieht sich hin, und wenn man dann endlich seinen Platz gefunden hat, sagt der Körper: Das war’s jetzt, es ist vorbei. „Das biologische Alter und das gefühlte Alter widersprechen einander immer stärker, und das birgt ein ungeheures Konfliktpotential“, sagt Isabelle Lehn. Es erscheint beinahe unmöglich, Empfinden und Ist-Zustand in Einklang zu bringen. Vierzig sei das neue dreißig, wird einem in Magazinen eingetrichtert, was nicht als Ermutigung gemeint ist, sondern als Aufforderung: Sorge dafür, jünger auszusehen, als du in Wahrheit bist! In „Frühlingserwachen“ steht: „Ich vermisse meine Jugend nicht. Das Einzige, was ich vermisse, ist mein Unterhautfettgewebe. Ein natürlicher Weichzeichner, der die Haut wie ein Kissen erscheinen lässt, ein eingebauter Instagram-Filter. Es heißt, eine alternde Frau habe phänotypisch immer die Wahl zwischen Kuh oder Ziege. Ich wünsche mir die Wahl zwischen Ohnmacht und Amnesie, um Sätze wie diesen nicht in meinem Kopf zu haben.“

          Und sie selbst? Anders als ihre Protagonistin, will die Autorin nicht mit ihrem Körper und dem Älterwerden hadern. Es gehe doch auch darum, sich irgendwann einzugestehen: Jetzt sind die anderen dran, ich hatte meine Jugend, und jetzt ist sie eben vorbei. Reduzierte Wahlmöglichkeiten beziehungsweise die Entscheidung, sie freiwillig zu reduzieren, könnten auch etwas sehr Befreiendes haben.

          Etwas Befreiendes hatte für viele Zuhörer auch dieser Abend. Gelacht wurde jedenfalls häufig und für Frankfurter Verhältnisse recht laut. „Frühlingserwachen“ ist eben auch oft böse komisch – und tröstlich.

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