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Literaturwerkstatt im Irak : Die schreibenden Frauen von Basra

  • -Aktualisiert am

Mann ist hier nur der Lehrer: Die Frauen in der ersten von drei Schreibwerkstätten, deren Aufbau das Auswärtige Amt im Irak unterstützt. Bild: privat

Im Erzählen liegt die Rettung vor der Alltagskatastrophe: In einer Schreibwerkstatt im Irak verwandeln 25 Frauen verschiedener Herkunft das Unterdrückte in Geschichten. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Ein Prosaworkshop? Für Frauen in Basra? Meine letzte Reise in die irakische Hafenstadt lag schon zwei Jahre zurück, und ich erwartete nicht, dass sie sich positiv entwickelt hätte. Im Gegenteil, die Nachrichten von dort verhießen nichts Gutes, sei es, was die Zerstörung der Infrastruktur in den letzten Jahren anbetraf, sei es in Bezug auf den Niedergang staatlicher Autorität, das Nichtfunktionieren der Verwaltung oder die allgegenwärtige Korruption - die traditionelle Macht der Clans und den ausufernden Waffenbesitz nicht zu vergessen. Hinzu kommen die Ehrenmorde, denen jedes Jahr Dutzende von Frauen zum Opfer fallen. Unter derartigen Umständen also wollten beherzte deutsche Suffragetten dort eine Prosawerkstatt organisieren. Unter der Leitung eines Mannes. Ich nahm die Herausforderung an.

          Bis Ende der siebziger Jahre war Basra eine moderne Stadt. Ich sage dies nicht nur, weil ich die Stadt gut kenne - es ist meine Geburtsstadt, die mir so vertraut ist wie meine zehn Finger. Nein, alle historischen Aufnahmen der Stadt bezeugen es: Häuser, die in ihrer Bauweise an die internationale Architektur des Bauhauses erinnerten; moderne Autos, die auf ordentlich gepflasterten Straßen dahinrollten; Passanten, die auf sauberen Bürgersteigen flanierten; und vor allem die Vielzahl kleiner Kanäle und Grachten, derentwegen die Stadt einst als „Venedig des Osten“ bezeichnet wurde, damals, als man gar nicht wusste, mit welchem Ehrentitel man Basra am besten bedenken sollte, da die Stadt sie alle verdiente. Heute aber ist Basra nur noch ein Abbild des Zusammenbruchs und der Verheerung des gesamten Landes.

          Ich schlug vor, der Prosawerkstatt den Titel „Schreiben um des Lebens willen“ zu geben, alternativ zum ursprünglichen Vorschlag „Schreiben als Therapie“. Vielleicht war ein Grund dafür, dass das Erzählen oder die Prosa meiner Überzeugung nach das ist, was dem Frieden am nächsten kommt.

          Versagen und Filz

          Natürlich hat meine Reise am Ende äußerlich nichts anderes bewirkt, als das allgemeine Bild von Verwüstung und Verwahrlosung zu bestätigen, von dem ich sprach, ein Bild, das offensichtlich wird, sobald man aus der Ankunftshalle des Flughafens tritt - als hätten die dreizehn Jahre, die seit dem Machtwechsel im Irak vergangen sind, nichts gebracht, als den Heimsuchungen der Stadt durch die Kriege des gestürzten Diktators nur weitere hinzuzufügen. Da Privatfahrzeugen die Zufahrt zum Flughafen aus Sicherheitsgründen nicht gestattet ist und diese auf einem weit entfernten, außerhalb des Flughafengeländes gelegenen Parkplatz warten müssen, bringen Pajero-Geländewagen der schnellen Eingreiftruppe die Reisenden dorthin.

          Doch dieser Parkplatz ist lediglich eine eilig asphaltierte Fläche unter freiem Himmel, je nach Jahreszeit ungeschützt Regen, Staub und sengender Hitze ausgesetzt. Wer von dort in die Stadt fährt, findet sich bei der Einfahrt vor unzähligen roten Ampeln wieder, umstellt von verschleierten Bettlerinnen, deren Hidschab nur die Augen freigibt, von Kindern und Krüppeln, die Taschentücher und Kaugummis verkaufen und betteln.

          Alle Regierungen und Verwaltungen, die sich in den letzten dreizehn Jahren bei der Lenkung des Staates abgelöst haben, scheinen sich durch weitestgehendes Versagen und kräftigen Filz ausgezeichnet zu haben. Gassen und Straßen sind staubig und verdreckt, insbesondere in der Altstadt, die mehr als alle anderen Stadtteile zu leiden hat.

          Ingenieurinnen und Hausfrauen

          Was sich dort abspielt, ist die mutwillige Vernichtung jahrhundertealter Schätze: Die für das alte Basra typischen Häuser mit ihren hölzernen Vorbauten, die gegen Hitze, das unbarmherzige Sonnenlicht und allzu neugierige Blicke schützen sollen, verfallen. Das Holz der kunstvoll gearbeiteten Fassaden ist morsch, ihre Fensterscheiben sind eingeschlagen, die Dächer löchrig, und die Türen hängen schief in den Angeln. Die kleinen Flüsschen und Kanäle lassen eher an eine Kloake als an Wasserläufe denken.

          Die erste Überraschung war dann jedoch, dass weder die hochsommerlichen Temperaturen von mehr als vierzig Grad noch die wegen des bevorstehenden Fastenmonats Ramadan vorverlegten Prüfungen an den Oberschulen, weder der Druck der Familien noch berufliche Belastungen, weder die Mühen der Anreise noch hohe Taxikosten derart viele Frauen davon abhalten konnten, am Workshop teilnehmen zu wollen. Die beiden Organisatorinnen, Birgit Laubach und Anna Fleischer von der Berliner Organisation Elbarlament, und ich waren gezwungen, unter diesen Bewerberinnen 25 Teilnehmerinnen auszuwählen, um die Budgetvorgaben nicht zu sprengen.

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