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Literaturarchiv Marbach : Im direkten Kontakt mit der Ewigkeit

  • -Aktualisiert am

Sandra Richter, neue Leiterin des Marbacher Literaturarchivs. Bild: dpa

Sandra Richter wird als neue Direktorin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach vorgestellt. Das Institut könnte damit internationaler werden – und sich besonders digital entstandener Literatur annehmen.

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          Ein Literaturarchiv stehe unmittelbar in Verbindung mit der Ewigkeit, sagte die neue Direktorin auf der Schillerhöhe: „Es fällt ein folgenreiches Urteil über einen Autor und seinen Vor- oder Nachlass.“ Sandra Richter, die seit Beginn des Jahres als Nachfolgerin von Ulrich Raulff an der Spitze des Deutschen Literaturarchivs in Marbach steht, leitet aus dem Bewusstsein der großen Verantwortung, die ihre Institution demnach trägt, einen Auftrag ab. „Wie lassen sich die Tugenden der Urteilskraft wiederbeleben?“, fragte sie am Donnerstag in ihrer Rede zur feierlichen Amtseinführung.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Im Marbacher Archiv und Museum sieht sie dafür den besten Ort. Ein historischer Rückblick auf die Errungenschaften der Aufklärung, insbesondere auf den französischen Protestanten Pierre Bayle und sein „historisches und kritisches Wörterbuch“ von 1697, das den Leser zum unparteiischen Urteilen angeleitet habe, diente ihr dabei als Ermutigung zur Ausbildung von Urteilskräften, die sie in der gegenwärtigen Öffentlichkeit schwinden oder gar untergehen sieht.

          Dass die Marbacher Institution damit in letzter Konsequenz zu einer Art Meinungsmedium avancieren könnte, passt zur bereits unter Ulrich Raulff erkennbaren Entwicklung. Der hatte dieser Zeitung einmal gesagt: „Wir sind nicht mehr auf dem einen Hügel, und auf dem anderen sitzt die Forschung und beäugt uns und kommt nach vielen Jahren durchs Tal dann zu uns. Sondern wir sind fast so etwas wie kommunizierende Röhren geworden“. Auch Richter betonte nun, das Deutsche Literaturarchiv sei „keine beliebige Informationsinfrastruktur und auch nicht einfach nur Dienstleister für seine Nutzer.“

          „Welcher Lesetyp sind Sie?“

          Dass es sogar umgekehrt sein könnte und die Nutzer des Archivs in gewisser Weise zu Dienstleistern werden, suggeriert eines der kommenden Projekte, das die neue Direktorin hervorhob: Im „Netzwerk literarische Erfahrung“, das Marbach in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen, dem Max-Planck-Institut für Empirische Ästhetik und dem Frankfurter Goethe-Haus aufbaut, sollen angesichts des zuletzt allerorten konstatierten Leserschwunds das „Leseverhalten unserer Besucher, ihre Herkunft und Vorlieben“ untersucht werden. Gleich am Donnerstagabend wurde den Gästen der Inaugurationsfeier dazu auch ein Fragebogen ausgeteilt, auf dem unter anderem stand: „Welcher Lesetyp sind Sie?“, „Wann versinken Sie in einem Buch?“ oder „Wann legen Sie ein Buch beiseite?“

          Mit Sandra Richter, die 1973 in Kassel geboren wurde und seit 2008 Professorin für Literaturwissenschaft an der Universität Stuttgart war, wird die erste Frau Archivdirektorin in Marbach. Ihr Forschungsschwerpunkt auf „globaler“ Germanistik, der sich insbesondere in ihrer 2017 veröffentlichten „Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur“ zeigt, könnte sich auch an ihrer neuen Arbeitsstätte auswirken, hofft der Präsident der Deutschen Schillergesellschaft, Peter-André Alt, der in jenem Buch eine „Programmerklärung“ Richters wittert: „Marbach wird noch internationaler, weil es zum Eigenen das Andere, in dem es sich besser begreift, hinzudenkt.“

          Besonderes Augenmerk möchte Sandra Richter auf die Sammlung und Erforschung sogenannter „Born digital“-Materialien legen, also solche, die ihren Ursprung in digitaler Form haben. Dazu wird in Kooperation mit dem Höchstleistungsrechenzentrum in Stuttgart ein „Science Data Center“ eingerichtet, welches das baden-württembergische Wissenschaftsministerium mit zwei Millionen Euro fördert. Für Herbst angekündigt ist eine Ausstellung mit dem Titel „Tropenkoller. Literarischer Imperialimus“, die sich kritisch mit deutscher Kolonialgeschichte auseinandersetzt.

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