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Sammelband über „Identitäre“ : Die Vermessung der völkischen Welt

Anhänger der rechtsradikalen „Identitären Bewegung“ demonstrieren im Jahr 2017 in Berlin. Bild: dpa

Ein Sammelband untersucht die rechtsradikale „Identitäre Bewegung“ – und liefert tiefe Einblicke in das Selbstverständnis des kulturaktivistischen Netzwerkes.

          Auch die Quantenmechanik kann politisch aufschlussreich sein. Man könnte etwa einen Bogen von der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ (IB) zum Physiker Werner Heisenberg schlagen. Der kam darauf, dass sich Teilchen nicht beliebig genau vermessen lassen, ohne ihren Zustand zu verändern. Dass ein Ding also so winzig sein kann, dass jeder Strahl eines Messgeräts seinen Impuls oder Ort verändert. Wie eine Billardkugel, die zum Zwecke der Vermessung auf eine andere geschossen wird. Würde man ein Teilchen ständig vermessen, um es zu erkunden, es würde wohl nur so strotzen vor Energie und wild in der Gegend herumfliegen.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Mit den „Identitären“ verhält es sich genauso. Man kann sie nicht einmal anschauen, ohne sie mit einer Energie aufzuladen, von der sie als anonymes, blasses Teilchen nur träumen könnten. Die Beobachtung ist ihr Treibstoff. Das gilt natürlich für alle Ideologien, dass sie bei mangelnder Beachtung eingehen. Im Fall der „Identitären“ ist diese Eigenart aber spezieller: Sie brauchen auch die Beachtung der Fachleute, der Presse, der Wissenschaftler. Sie brauchen den Scheinwerferkegel des Diskurses, zu dem auch Bücher wie das von Andreas Speit herausgegebene „Das Netzwerk der Identitären“ gehören, aber auch dieser Artikel, der von Speits Buch handelt. Es gibt keinen unschuldigen Blick.

          Andreas Speit (Hrsg.): „Das Netzwerk der Identitären“. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten. Ch. Links Verlag, Berlin 2018. 264 S., br., 18,- Euro.

          „Was nicht in den Medien war, ist aus der Welt, hat nicht stattgefunden, nicht verfangen. Für die stille Bildungsarbeit mögen andere Gesetze gelten: Provokationen leben von der Wahrnehmung, denn ihr Ziel ist, eine Reaktion (und sei es nur Verblüffung) hervorzurufen“, zitiert ein führender „Identitärer“ aus Österreich den neurechten Vordenker Götz Kubitschek. Und mit jedem Versuch, an die Bewegung den Zollstock anzulegen, wirkt sie nicht nur größer, sondern wird es deshalb auch.

          Rechter Kulturaktivismus

          Was tun? Ein Schweigegebot wäre keine Lösung. Wenn die pluralistische Gesellschaft, welche die „Identitären“ bekämpfen, von der Debatte lebt, ist ihr mit einem Ende derselben nicht geholfen. Besonders manchem AfD-Politiker, denen die „Identitären“ bisweilen als junge und witzige Spitzbuben gelten und nicht als Gegner der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, wäre zur Lektüre dieses Buchs zu raten. Doch man lernt jedenfalls viel aus ihm, denn in dieser Verdichtung wurde die Bewegung selten durchleuchtet. Die Mühe, eine Ablehnung der „Identitären“ nicht unreflektiert zu vertreten, sondern die Belegstellen und Argumente zu erfahren, sollten sich interessierte Bürger schon machen. Am Ende des Buches sind Sätze wie dieser mit Leben gefüllt: Dass sich in Europa eine rechtsextreme Jugendbewegung etabliert, die auf offen gelebte Gewalt, Hakenkreuze und Springerstiefel verzichtet, in ihrer Zielsetzung aber nicht minder gefährlich ist.

          In der Gesamtschau entsteht das Bild einer straff geführten Bewegung, die in Anlehnung an den marxistischen Theoretiker Antonio Gramsci und den neurechten französischen Vordenker Alain de Benoist eine kulturelle Hegemonie anstrebt – eine Kulturrevolution von rechts. Dafür ist kein gewaltsamer Umsturz notwendig, es geht um einen Kampf der Ideen und Haltungen. Die Aktivisten sind, auf ihre Art, Kulturschaffende. Sie tragen ihre eigene Mode, hören völkische Musik, organisieren Wanderausflüge, machen Kampfsport.

          Ein „Identitärer“ aus Frankreich schreibt: „Wir müssen unsere eigene Kultur schaffen, denn unsere Werte sind nicht die des Systems, und wir müssen alle Möglichkeiten nutzen, um diese unsere eigene Kultur zu verbreiten. Ich appelliere dabei an alle von uns, einen Baustein zu dem Gebäude beizutragen, das wir errichten wollen. Sei es als freier Filmemacher, als freier Sänger oder meinetwegen als freier Tätowierer oder als freier Modedesigner.“

          Intelektuelles Selbstverständnis

          Die Aktionen der „Identitären“ leben von der Provokation. Wenn „Identitäre“ etwa ankündigen, künftig Vormundschaften für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge übernehmen zu wollen, und das staunende Publikum in Wallung gerät, man möge die Kinder retten, ist das Ziel erreicht. Es ist kein Fall bekannt, in dem ein „Identitärer“ tatsächlich eine Vormundschaft beantragt hat. An der Oberfläche, in ihren Videos und Twitter-Profilen, wollen die „Identitären“ harmlos wirken. Aber schon ihr Logo offenbart das soldatische Selbstverständnis, es ist der Buchstabe Lambda, das Zeichen der antiken Spartaner. Konkret beziehen sich die „Identitären“ auf den Hollywoodfilm „300“, der die Schlacht der Spartaner gegen die Perser bei den Thermopylen zum Thema hat.

          Dem antiken Bericht nach stellten sich damals dreihundert spartanische Kämpfer dem persischen Heer entgegen – ohne die Aussicht auf einen Sieg. Schon diese Anekdote sagt viel: „Identitäre“ wollen Intellektuelle sein, dazu passte die Berufung auf Herodot. Aber dahinter steht eine Comicverfilmung aus Hollywood. Und die Erinnerung stellt sich ein: Auch Göring verwies während der Schlacht um Stalingrad auf jene bei den Thermopylen.

          Wie ihre Filmhelden wollen sich die „Identitären“ den Migranten in den Weg stellen, um die ethnische Homogenität ihrer Heimat zu verteidigen. Wer so denkt, landet im Jargon der Nationalsozialisten. „Unser Land, unser Blut, unsere Identität“, lautet einer der Slogans der „Identitären“. „Blut und Boden bilden den Bodensatz dieser Bewegung“, schreibt Speit. Der zentrale Begriff der „Identitären“ ist jener des „Ethnopluralismus“. Was nach ethnischer Vielfalt klingt, meint das Gegenteil, nämlich eine Lebensraumtheorie, nach der alle Ethnien säuberlich getrennt bleiben sollen. Kulturtheoretisch wird exerziert, was die Nationalsozialisten mit „Reinrassigkeit“ meinten. Einige „Identitäre“ haben, passend dazu, eine Vergangenheit in der NPD, in der rechtsextremen Wiking-Jugend oder der Neonazi-Rockszene.

          Im Kapitel, das von den Überschneidungen mit der AfD handelt, werden viele Fälle angeführt, in denen entweder AfD-Politiker oder Vertreter der Parteijugend „Junge Alternative“ mit den „Identitären“ fraternisieren. Zitiert wird der Bremer Verfassungsschutzleiter Dierk Schittkowski: „Das sind inzwischen ganz schön viele Einzelfälle.“ Das Dilemma ist eben doch noch größer als bei Heisenberg: So wie es keine unschuldigen Zuschauer gibt im Fall der „Identitären“, gibt es auch keine unschuldigen Wegseher.

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