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Über das Unmoralische in der Literatur : Das Gute kann ruhig auch mal verlieren

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Salman Rushdie bei der Andersen-Preisverleihung am vergangenen Sonntag im dänischen Odense Bild: HBG-BILD/face to face

Was unterscheidet den Roman von mündlicher Erzählung? Und was die europäische von der indischen Literatur? Sehr viel. Eines aber ist gleich: je unmoralischer, desto interessanter.

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          Erzählung und Roman haben unterschiedliche Entstehungsgeschichten. Für Walter Benjamin, den großen deutschen Literaturkritiker, ist die Erzählung ein kollektives Werk, von Mund zu Mund weitergegeben, von vielen Händen aufgeschrieben, von Generation zu Generation weitergereicht. Nach dieser Definition kommt die Erzählung dem Heiligen Gral der Literaturwissenschaft, der verfasserlos überlieferten Schrift, ziemlich nahe. Manchmal ordnen wir solche Epen, die im Laufe der Zeit gesammelt und kodifiziert, in dieser oder jener Version in den Literaturkanon aufgenommen wurden, einem Autor zu. Für die Ilias und die Odyssee ist das Homer, für das Mahabharata und das Ramayana sind das Vyasa und Valmiki. Diese Dichter mögen existiert haben oder nicht, aber wenn ja, haben sie Geschichten erzählt, die ihrem Ursprung nach viel älter sind. Die Erzählung wird von allen überall erzählt und gehört niemandem.

          Benjamin dagegen sagt: „Es hebt den Roman gegen alle übrigen Formen der Prosadichtung - Märchen, Sage, ja selbst Novelle - ab, dass er aus mündlicher Tradition weder kommt noch in sie eingeht. Vor allem aber gegen das Erzählen. Der Erzähler nimmt, was er erzählt, aus der Erfahrung, aus der eigenen oder berichteten . . . Der Romancier hat sich abgeschieden . . . Die Geburtskammer des Romans ist das Individuum in seiner Einsamkeit.“ Hinzufügen könnte man, dass die Erzählung in einer Gemeinschaft mit lokalem Bezug entsteht, der Roman dagegen in einer Nation. Deutsche Volksmärchen, wie sie von den Brüdern Grimm gesammelt wurden, stammen aus dem Schwarzwald, deutsche Literatur kommt aus Deutschland.

          Trotz dieser sehr unterschiedlichen Herkunft ließ der Roman, ließen die besten Romane lange Zeit ein starkes Interesse am Erzählen erkennen. Die Werke von Dickens oder Austen oder Thackeray sind unmöglich zu verstehen, wenn man nicht weiß, dass für die Schriftsteller des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts die Erzählung der Motor des Romans war. Viele ihrer Romane waren sehr lang und bedurften einer kraftvollen Story. Ich selbst habe von diesen Autoren gelernt, was eine gute, starke Geschichte für ein Buch bedeutet. Wenn man ein großes Auto baut, sage ich mir immer, muss man es mit einem großen Motor versehen.

          Ein wachsendes Interesse an der alten Erzählkunst

          Ganz allgemein könnte man sagen, dass sich der Roman irgendwann im zwanzigsten Jahrhundert, in der Hochzeit der Moderne, von der Erzähltradition löste. Ich bin ein großer Bewunderer von „Ulysses“ und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, aber man kann wirklich nicht behaupten, dass diese beiden Werke auf einem Plot beruhten. Die Erzählung rangiert hier hinter Form, Charakter, Sprache, Psychologie und Gesellschaftsporträt.

          Dass sich die Romanliteratur von der Erzähltradition entfernt hat, erscheint mir unnötig und abträglich. Im populären Roman, im Groschenroman, wird immer eine Geschichte erzählt. Diese Bücher beruhen ganz wesentlich auf einer spannenden Erzählung voller Haken, Rätsel und Dramatik. Ich wüsste nicht, warum seriöse Literatur auf diese Elemente verzichten sollte. Und ich finde es aufschlussreich, dass die Literatur der letzten fünfzig Jahre ein neues und wachsendes Interesse an der alten Erzählkunst zu erkennen gibt, sogar an ihren ältesten Formen: Mythos, Legende, Fabel und Märchen.

          Das Gute kann verlieren

          Für diese Art zeitgenössischer Literatur ist das Werk Hans Christian Andersens eine wichtige Wegmarke. Volksmärchen oder Fabeln in ihrer europäischen Erscheinungsform haben meistens eine moralische Lehre. Sei nicht gierig, lautet die Moral des Grimmschen Märchens vom Fischer und seiner Frau, deren Wünsche der Butt erfüllt, bis die Frau in ihrer Maßlosigkeit Papst werden will, woraufhin alle Paläste und aller Reichtum, den der Butt ihnen bis dahin geschenkt hat, sich in Luft auflösen und die beiden wieder in ihrer Hütte sitzen. In vielen indischen Märchen geht es dagegen interessanterweise nicht um Moral. In den großen Erzählungen des Ramayana und Mahabharata sind die Helden unvollkommen und ihre Gegner nicht zwangsläufig Schurken, sondern ebenfalls Träger heroischer Tugenden. Auch bei Homer ist das so: Hektor, der heldenhafte Trojaner, der dem Griechen Achilles im Duell unterliegt, ist der schwächere Kämpfer, in vielerlei Hinsicht aber der bessere Mensch.

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