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Sahra Wagenknecht liest Safranski : Goethe sah die Gefahren einer durchkommerzialisierten Gesellschaft vor Marx

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Marxist lange vor Karl Marx: Johann Wolfgang von Goethe, 1749 - 1832, und die Rezensentin und Deuterin seiner Lebensgeschichte Sahra Wagenknecht, 44 Bild: Ursula Edelmann/ARTOTHEK,Stefan Thomas Kroeger

Rüdiger Safranskis Biographie ist beeindruckend. Aber er verkennt Goethes hellsichtige Visionen über eine Moderne jenseits des Kapitalismus.

          11 Min.

          Wer in einer Zeit, in der die deutsche Sprache in Twitternachrichten verkümmert und das Denken sich oft genug diesem Stil angepasst hat, einer Zeit, in der „Faust II“ in den meisten Gymnasien nur noch am Rande Erwähnung findet und viele Theater den Weimarer Klassiker ganz aus ihrem Spielplan gestrichen haben - wer in einer solchen Zeit mit einem Buch über Goethe an die Spitze der Bestsellerlisten stürmt, muss schon etwas Außergewöhnliches vorgelegt haben.

          Außergewöhnlich ist Safranskis „Goethe“ gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen lässt das Buch das Leben des großen Dichters äußerst lebendig und anschaulich Revue passieren, akribisch recherchiert und genau geschildert anhand von Goethes eigenen Briefen und Tagebuchnotizen sowie den Zeugnissen von Zeitgenossen - Neidern wie Verehrern, Freunden wie Feinden. Safranski erzählt Hunderte kleine Episoden und verfolgt doch eine große Linie. Und diese über 700 Seiten belegte große Linie ist das Aufregende an diesem Buch.

          Bereits der Titel stellt klar, worauf Safranski hinauswill: „Goethe. Kunstwerk des Lebens“. Es geht ihm nicht einfach um die Lebensumstände eines Mannes, dem wir die wahrscheinlich schönsten Verse verdanken, die je in deutscher Sprache gedichtet wurden, sondern es geht um einen „Meister des Lebens“, um ein „Beispiel für ein gelungenes Leben“, um einen, der es als seine Lebensaufgabe begriffen hat, der zu werden, der er war.

          Goethes Leben, so die Kernthese, ist selbst ein „Werk“, und zwar eines, das sich hinter Goethes literarischen Werken nicht verstecken muss. Mit dieser Sichtweise stellt sich Safranski souverän gegen einige tausend Buch- und Zeitschriftenseiten, die seit Goethes Tod mit Meinungsäußerungen gegenteiligen Inhalts über Goethes Leben und Charakter bedruckt wurden. Vielleicht liegt es daran, dass Beispiele echter menschlicher Größe in unserer Zeit in Literatur, Wirtschaft wie Politik so rar geworden sind, weshalb wir dazu neigen, unzweifelhafte Größe in früheren Jahrhunderten mit Skepsis zu betrachten. Wer seine Umwelt allzu weit überragt, wird schnell verdächtigt, auf irgendeinem geheimen Sockel zu stehen, und nicht wenige fühlen sich berufen, ihn oder sie von diesem vermeintlichen Podest herunterzuzerren.

          Ein Trümmerberg von Fragmenten

          Auch an Goethe wurde viel gezerrt. Da seine Literatur schwer anzugreifen war, arbeitete man sich bevorzugt am Menschen Goethe ab. Er erschien wahlweise als kleinkarierter Pedant oder als vom Leben verwöhnter Egoist, als Antidemokrat und politischer Opportunist, der nicht davor zurückschreckte, alte Freunde zu verraten, in neueren Versionen gern auch als selbstsüchtiger Macho, der seine Frauen schlecht behandelt hat. Im gutwilligen Fall laufen solche Erzählungen auf die Plattitüde hinaus, dass Goethe, trotz seiner literarischen Meisterleistungen, eben auch „nur ein Mensch“ gewesen sei.

          Safranski stellt dieser Kleinmacherei die sympathische These entgegen, dass Goethes Größe nicht zuletzt darin besteht, dass er es tatsächlich geschafft hat, ein Mensch zu sein und als solcher zu leben: selbstbestimmt, souverän, in Würde. Er war ein Mensch, gerade weil er ein Leben lang darum gerungen hat, sich zu dem zu machen, der er war. Das war harte Arbeit und keineswegs selbstverständlich.

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