https://www.faz.net/-gr0-7ito3

Sahra Wagenknecht liest Safranski : Goethe sah die Gefahren einer durchkommerzialisierten Gesellschaft vor Marx

  • -Aktualisiert am

In einer solchen Welt wollte Goethe nicht leben. Die Annahme, dass ihr nicht nur die nahe, sondern auch die ferne Zukunft gehören könnte, hätte seiner Kunst den Boden entzogen. In den „Wanderjahren“ sprengt die ernüchternde Prosa die Romanform. In der „Pandora“ stehen Epimetheus und die „muntern Luftgeburten“ aus Pandoras Krug für jene Werte, die sich nicht auf Märkten handeln lassen. Sie leben allerdings fast nur noch in der Erinnerung. Das Stück sollte mit Pandoras Wiederkehr enden, ausgeführt wird sie nicht. Von den Spätwerken endet eigentlich nur der „Faust“ klar und eindeutig: mit der Blamage Mephistos und Fausts Seelenrettung.

Sein Urvertrauen

Safranski findet, wie viele Rezensenten vor ihm, „Fausts“ Ende „erbärmlich“. Das ist eine der wenigen Werkinterpretationen in seinem Buch, die mir schlecht begründet scheinen. Faust entwirft in seinem großen Schlussmonolog eine Zukunftsgesellschaft, die nicht mehr von Arbeitssklaven oder nützlichkeitsfanatischen Homines oeconomici, sondern von freien und souveränen Menschen bevölkert wird. Mit Blick auf diese Zukunftshoffnung genießt er „seinen höchsten Augenblick“. Ausgangspunkt von Fausts Überlegungen und deren Begleitmusik sind die Spatenklänge der Lemuren, die an Fausts Grab arbeiten, während der Erblindete glaubt, sein Dammbauprojekt würde vorangetrieben. Die Szene ist grotesk, vielleicht auch tragisch, aber erbärmlich? Fausts letzte Worte sind eine Liebeserklärung an die Menschheit, während Halbtote unter Mephistos Oberbefehl damit beschäftigt sind, sein Grab zu schaufeln. Vielleicht hat der alte Goethe seine Lebensumstände genau so grotesk empfunden?

Bekanntlich war er um keinen Preis bereit, „Faust II“ zu Lebzeiten zu veröffentlichen. Er fürchtete, seine „redlichen, lange verfolgten Bemühungen um dieses seltsame Gebräu würden schlecht belohnt und an den Strand getrieben, wie ein Wrack in Trümmern daliegen und von dem Dünenschutt der Stunden zunächst überschüttet werden“. Denn: „Verwirrende Lehre zu verwirrtem Handel waltet über die Welt.“ „Faust“ ist Goethes Liebeserklärung an die Menschheit, aber offenbar hörte er die Spaten der banausischen Lemuren bereits so laut klappern, dass er wenig Hoffnung hatte, die Botschaft könne ihren Adressaten erreichen. Er erwartete vielmehr, das große Werk würde „zunächst“ unter dem „Dünenschutt der Stunden“ begraben - bis der Mensch irgendwann vielleicht, unter besseren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, zu sich zurückfindet. Und hat Goethe mit dieser düsteren Ahnung nicht Recht behalten, bis heute?

Wirklich „erbärmlich“ endet übrigens Mephisto. Der Menschenverächter wird in dem Augenblick, als er sich Fausts Seele schnappen will, ausgerechnet von der schönsten aller menschlichen Leidenschaften, von dem Gefühl der Liebe, überwältigt. Das währt natürlich nicht lange, aber es genügt, um den Engeln Gelegenheit zu geben, mit Fausts Seele gen Himmel zu fliegen. Mephisto verflucht sich und seine „Torheit“ und steht ziemlich belämmert da.

Hegels Ästhetik endet mit dem Ende der Kunst; er geht resigniert davon aus, dass der grauen Nützlichkeitsprosa die Zukunft gehört. Goethe wollte nicht resignieren. Er hatte sein „Urvertrauen“ wiedergefunden. Aber wir sollten anerkennen, dass es nun wirklich keine Banalität war, bereits am Beginn des 19. Jahrhunderts über eine Moderne jenseits des Kapitalismus nachzudenken.

Weitere Themen

Kunst am Fuße der Pyramiden Video-Seite öffnen

Ägypten : Kunst am Fuße der Pyramiden

Das ägyptische Unternehmen „Art D’Egypte“ eröffnet seine Ausstellung mit dem Titel „Forever Is Now“. Es ist die erste internationale Kunstausstellung, die an den Pyramiden von Gizeh und auf dem umliegenden Gizeh-Plateau stattfindet.

Topmeldungen

Querdenker demonstrieren gegen Wissenschaftler und Politiker

Die Wissenschaft in Krisen : Forscher unter Beschuss

Für Krisen wie die Corona-Pandemie und den Klimawandel braucht es Fachleute, die ihr Wissen teilen. Doch die werden immer heftiger angegriffen und ziehen sich zurück. Damit ist keinem geholfen.

Tödlicher Schuss am Set : Regieassistent räumt Fehler ein

Die Hinweise zu Verstößen gegen Waffenregeln bei den Dreharbeiten zu „Rust“ haben sich bestätigt. Und Nicolas Cage hat schon mal wütend ein Set verlassen – weil die Waffenmeisterin, die auch bei „Rust“ arbeitete, Fehlzündungen nicht verhindert hatte.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.