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Sahra Wagenknecht liest Safranski : Goethe sah die Gefahren einer durchkommerzialisierten Gesellschaft vor Marx

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In Goethes Werk steht Mephisto für diesen rein negativen und damit letztlich anti-humanen Skeptizismus. Während Faust nach Wissen, Selbstbestätigung, Lebensgenuss und Kreativität hungert, will Mephisto ihn „mit Lust . . . Staub fressen“ lassen. Mephisto hat seine Hände im Spiel, als die klassische Kunstwelt am Ende des Helena-Aktes an der Gegenwart zerschellt. Er leistet regen Beistand, als der Unternehmer Faust gegenüber seinen Arbeitern zum Menschenschinder wird („Menschenopfer mussten bluten“). Er dirigiert die „drei gewaltigen Gesellen“ Habebald, Haltefest und Eilebeute, deren Raubzügen Faust seinen Weltbesitz verdankt. Und Mephisto ist es auch, der Faust schließlich zum Verbrecher macht, indem er seinen maßlosen Expansionsdrang, dem die menschliche Idylle von Philemon und Baucis im Wege steht, mit mörderischer Konsequenz vollstreckt. Dass am Ende trotz allem nicht Mephisto triumphiert, sondern Fausts Seele gerettet wird - da ist es eben wieder, das Urvertrauen des Klassikers Goethe in den Menschen und eine menschliche Zukunft.

Die elementarste Entwürdigung

Hier allerdings sind wir an einem Punkt, an dem Safranskis Erzählung zu glatt wirkt. Das Goethesche Urvertrauen war Produkt eines lebenslangen Ringens und alles andere als unerschütterbar. Safranski erwähnt, dass Goethe das beginnende Maschinenzeitalter mit Argwohn betrachtet habe und die Industriereligion, nach der sich alles im Hinblick auf seinen ökonomischen Nutzen zu bewähren hat, ablehnte. Der Biograph führt an, dass Goethe die Beschleunigung aller Lebensumstände als „veloziferisch“ (aus velocitas und Luzifer) empfand und sich daher in seiner Zeit zunehmend unwohl fühlte. Safranski zitiert den schönen Satz aus Goethes Plotin-Kritik, dass „das belebende und ordnende Prinzip in der Erscheinung dergestalt bedrängt, dass es sich kaum zu retten weiß“, und interpretiert das wie folgt: „Die Bedrängnis am gesellschaftlichen Ort ist die durch Neid, Konkurrenz, Missbilligung, Gleichgültigkeit, hektische Betriebsamkeit und . . . durch Gerede verursachte.“ Meines Erachtens steckte mehr hinter Goethes Leiden an seiner Gegenwart.

Die Maschinen als solche störten Goethe keineswegs. Es gibt nicht wenige Äußerungen, in denen er sich von den neuen Technologien, der Dampfkraft und dem in Aussicht stehenden Eisenbahnbau, geradezu fasziniert zeigt. Das verwundert nicht. Armut ist die elementarste Entwürdigung, die einem Menschen angetan werden kann. Wer sich dem klassischen Humanismus verpflichtet fühlt, kann Technologien, die die Produktivität und damit den Reichtum der Gesellschaft um ein Vielfaches zu steigern versprechen, schwer ablehnen. Dass Goethe Armut als ernste Infragestellung des klassischen Humanitätsgedankens empfand, zeigt sein bekannter Brief an Charlotte von Stein: „Hier will das Drama gar nicht fort, es ist verflucht, der König von Tauris soll reden als wenn kein Strumpfwirker in Apolde hungerte.“

Lange vor Marx mit verblüffender Klarheit

Was Goethes Unbehagen verursachte, waren nicht die Telegraphen und nicht die Dampfmaschine. Es war die sich ankündigende Diktatur der Märkte und des Profits, die der Dichter als existentielle Bedrohung empfand. Wenn Marx über die kapitalistische Ordnung schreibt, sie habe „kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen als das nackte Interesse, die gefühllose ,bare Zahlung‘ . . . Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt“, trifft er ziemlich genau den Grund, aus dem Goethe mit seiner Epoche haderte.

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