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Folgen der VG-Wort-Reform : Für die Verlage ist jetzt letzter Zahltag

  • -Aktualisiert am

Offensichtlich profitieren besonders Kleinverlage, die eine enge Bindung zu den Autoren pflegen, von der Verzichtsregelung. Beim Verbrecher Verlag zeigt sich dies in Zahlen. Anstatt fünftausend Euro muss der Verlag nun nur noch zweitausend Euro an die VG Wort zurückzahlen. Bei den größeren, traditionellen Verlagen scheint dies etwas anders auszusehen. Bei Rowohlt zum Beispiel hat man für die zu erwartende Rückzahlung „eine hohe sechsstellige Summe zurückgestellt“, sagt Peter Kraus vom Cleff. Der VG-Wort-Geschäftsführer Robert Staats bestätigt derweil, dass es „für viele Verlage nicht leicht ist, die Rückforderungen zu leisten“. Allerdings kämen die Rückforderungen angesichts des lange währenden Rechtsstreits und der damit befassten Mitgliederversammlungen der letzten Monate nicht überraschend.

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Was hält Staats von der neuen Praxis? Er bewertet sie vom Grundsatz her positiv. Die neuen Regelungen im Verwertungsgesellschaftengesetz (VGG) seien „sehr zu begrüßen“. Jörg Sundermeier meint, die VG Wort, die sich in einer Art „Existenzkrise“ befunden habe, habe sich „sehr gut und sehr fair geschlagen“. Man habe alle Argumente gehört und „mit allen gesprochen“. Verlage wie Autoren hätten gemerkt, wie extrem wichtig die VG Wort als gemeinsame Interessenvertretung sei und dass man sich nicht auseinanderdividieren lassen dürfe. Dies würde Verlage wie Urheber im Kampf um ihre Verwertungsrechte nur schwächen. Die VG Wort sei für alle Beteiligten wichtig, Urheber und Verwerter bräuchten sich gegenseitig. Und schließlich habe man mit der VG Wort eine Institution, die sich um die Rechtewahrnehmung vollständig kümmere.

Funktionierendes System schwer beschädigt

Peter Kraus vom Cleff sieht die neue Lage anders. Er meint, ein „seit Jahrzehnten funktionierendes, solidarisches System“ sei „schwer beschädigt“ worden: „Mit größerem zeitlichen Abstand werden wir feststellen, dass Urheber und Verlage gleichermaßen die Verlierer sind.“ Die Tatsache, dass Verlage bereits aufgegeben hätten oder Insolvenz anmelden mussten, spreche für sich, sagt Kraus vom Cleff. Hier steckt für ihn ein Kernelement der Tragik, denn „viele Autorinnen und Autoren“ wünschten sich „eine verlegerische Heimat“ und hätten sich „aus guten Gründen gegen ein Dasein als Self-Publisher“ entschieden. Doch das funktioniere nur, wenn Autoren wie Verlage an den Einnahmen der VG Wort teilhätten.

Jörg Sundermeier sieht das Problem, dass es in der Politik an dem Verständnis mangele, was Buchverlage wirklich leisten und was den Beitrag von Buchverlegern zur urheberischen Leistung ausmacht. Die Bundesregierung habe als Gesetzgeber „eine Linie gefahren, die kontra Verlage war“. Verlage seien verdächtigt worden, sie erhöben Ansprüche, die ihnen nicht zustehen – so als hätten sie mit den Büchern nicht das Geringste zu tun. „Politiker und Politikerinnen wissen oftmals nicht im Geringsten, was ein Verlag tut“ – von der Idee für einen Titel bis zum Lektorat.

Robert Staats von der VG Wort gesteht der neuen Gesetzeslage zumindest zu, dass die „gemeinsame Beteiligung von Urhebern und Verlagen an den gesetzlichen Vergütungsansprüchen rechtlich unmissverständlich“ abgesichert sei. Doch hält er die neuen Regelungen im VG-Gesetz, die eine Verlegerbeteiligung nur bei Zustimmung des Urhebers ermöglichen, noch nicht für ausreichend. Es müsse eine Klarstellung auf europäischer Ebene geben, meint Staats. Seit September 2016 liegt ein noch vom damaligen Digital-, inzwischen Haushalts-Kommissar Günther Oettinger eingebrachter Vorschlag für eine EU-Urheberrechtsreform vor, der zurzeit in Parlament und Rat behandelt wird. „Es wäre sehr zu begrüßen, wenn er schnell verabschiedet würde“, sagt der VG-Wort-Geschäftsführer Staats. Ähnlich sieht es Peter Kraus vom Cleff: Die Anerkennung der Verlage als Rechteinhaber als Basis für die Beteiligung an den Ausschüttungen von Verwertungsgesellschaften könne nur auf europäischer Ebene abschließend geregelt werden. Deshalb sei es wichtig, dass sowohl die Bundesregierung als auch die EU-Kommission hinter dieser Forderung stehen. Diese gelte es mit der zugesagten Unterstützung der Bundesregierung schnellstmöglich umzusetzen.

Ob das die Überlebenschancen unabhängiger Kleinverlage erhöht? Für sie ist die Lage nach der Reform der VG-Wort-Ausschüttungen eindeutig schwieriger geworden.

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