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Borchardts Roman „Weltpuff Berlin“ : Rudolf ruchlos oder: Sex, bis der Arzt kommt?

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Rudolf Borchardt im August 1935 in Pisa, fotografiert von Gerta Calman Bild: Rudolf Borchardt Archiv

Selbst die Rudolf-Borchardt-Gesellschaft kann nicht über ein Werk urteilen, das sie gar nicht kennt. Der in Marbach lagernde Nachlassroman „Weltpuff Berlin“ ist natürlich trotzdem viel zu faszinierend, als dass er weggesperrt bleiben dürfte.

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          Viel Zeit ist nicht mehr. Nur noch drei oder vier Monate stehen für eine gütliche Einigung über die Freigabe des derzeit bis 2035 sekretierten Borchardt-Manuskripts zur Verfügung. Danach macht die Forderung des Dichtersohns Cornelius Borchardt auf der Basis einer Selbstauslegung des Persönlichkeitsrechts das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) möglicherweise zum Schauplatz einer Kontroverse, die alle Parteien beschädigen würde. Nun hat Kai Kauffmann, Vorstandsmitglied der Rudolf-Borchardt-Gesellschaft, der Öffentlichkeit erklärt, warum sie gar nicht zu lesen brauche, was auch er nicht kennen mag.

          Worum geht es? Das Konvolut, im November 2011 von mir mit personengebundener Erlaubnis von Kaspar Borchardt (1921 bis 2013) im Auftrag des DLA philologisch untersucht, enthält auf etwa 300 Blättern insgesamt 16 erzählerische Entwürfe. Davon entfallen rund 80 Seiten auf 15 kürzere, nicht abgeschlossene oder lückenhaft erhaltene Stücke, nach Indizien aus den späten dreißiger Jahren; ihre Plots spielen 1917/18. Das Hauptstück bildet ein Fragment (ohne Titel und Zäsuren) im Umfang von circa 450 Seiten Handschrift. Rückseitig erhaltene Briefentwürfe datieren die Arbeit daran zwischen Ende 1936 und Juli 1939. Die unfoliierten Blätter sind doppelseitig, engzeilig und winzig beschrieben (Buchstabenhöhe 3 Millimeter) - eine mit wenigen Sofortkorrekturen verfasste Reinschrift, durchsetzt von Alternativfassungen und mit Dialogpassagen in Englisch und Französisch. Wie immer bei Borchardt ist das Fixierte keine Skizze, sondern bis zum Abbruch der Niederschrift stilistisch durchaus vollendet.

          Bis an den Rand der Kräfte und des Gewissens

          Wir sind im Herbst 1901. In atemlosem Duktus entrollt sich die Welt der Grandhotels und mondänen Restaurants vom Adlon bis zu Hiller und natürlich dem Borchardts in der Französischen Straße. Taxigehupe am Potsdamer Platz, spätabendliches Menschenschieben entlang der „grellweißen“ Friedrichstraße. Überschärfte Momentaufnahmen aus dem Konzertsaal der Philharmonie wie der Künstlergarderobe der Hofoper, aber auch von Stundenhotels und einem Nobel-Bordell an der Kleiststraße - „dann haste ’ne Ahnung von Berlin, wie es weint und lacht. Rede mal mit Ausländern. Für die ist Berlin der Weltpuff, na Deutschland überhaupt. Paris nischt mehr dagegen, ganz abgekommen.“

          Nach Gottfried Benns Devise: „Gute Regie ist besser als Treue“ erfolgt ein gerswhin-hafter Wirbel des Protagonisten Rubor von einem Zufallsrendezvous zum nächsten - bis hinaus nach Rheinsberg oder am „weekend“ in die Verschlafenheit mecklenburgischer Gutshäuser, wo die Erzählung sich dann à la Boccaccio in Selfies übers jeweils „erste Mal“ langweiliger Mitgäste vervielfacht und deswegen schließlich versandet. „Dies waren die leichtsinnigsten Tage der leichtsinnigsten und libertinsten Periode meines Lebens. Die Erregung, die ein Mädchen mir verursacht hatte, stillte mir das nächste.“ Der im Irrgarten der Triebe herumtaumelnde Kavalier renommiert dabei stets (nicht ohne unfreiwillige Komik) mit seiner Virilität. Sex, bis der Arzt kommt, ganz buchstäblich, aber dazwischen wieder so kluges Innehalten über Goethe (und Christiane), über das stimulierende Hauptstadtklima und die Opulenzkrise einer Epoche, als stünden diese Aperçus in Hofmannsthals „Buch der Freunde“. „Sogar Verse fielen mir ein, aber ich war fern von der Luft, in der ein Einfall zu reinem Kristall wird. In der ganzen Zeit der Abenteuer, in denen ich nun seit Wochen lebte, hatte ich die Poesie schuldbewusst umgangen, es schickte sich nicht für sie, mich jetzt zu kennen, und ich wusste es. Es war ein Trotz in mir, der mich aufsteifte, nicht hinzuhören, sondern mich zu verstecken, und das Leben wild zu erfahren, bis an den Rand meiner Kräfte und meines Gewissens.“

          Eine Springprozession, die beinahe jeder Forscher kennt

          Dass Borchardts jüngster Sohn (Jahrgang 1928) nach erstem Herumblättern in Marbach das Originalmanuskript sogar zurückverlangte - wie man hört: „um es endlich zu verbrennen“ -, ist aus seiner Sicht begreiflich. Musste er nicht den Anfangssatz einer obenauf liegenden Novelle als postumen Griff seines Vaters ans eigene Portepee empfinden? Nämlich: „Auch dies ist nie zu Menschenohren gedrungen und wird es nie, ich erlebe es wieder auf dem verschwiegenen Blatt, nicht für Augen, sondern für die Flammen, die es verzehren werden, wenn es sich und mir genügt hat.“ Aber dieser bekannte Topos fordert doch von Nachfahren nichts anderes als jenen dienenden Ungehorsam, der uns die „Aeneis“ Vergils ebenso zu kennen erlaubt wie Kafkas „Process“! Hat Ulrich Raulff mit der ihm vorerst abgenötigten Einwilligung, für zwanzig Jahre den Safeschlüssel herumzudrehen, am Ende auch ein simples Bildungsmissverständnis aufgedeckt?

          Natürlich sichert das DLA seinen Mandanten bei Ankäufen und Übergaben auf Wunsch Teilsperrungen zu. Dabei geht es nicht um Zensur, sondern um die Gewährleistung absoluter Vertrauenswürdigkeit in der heiklen Sphäre privater Hinterlassenschaften. Dieser ehrenwerte Grundsatz steht aber nur so lange nicht auf dem Prüfstand, wie kein Dritter die Usance anzweifelt, sobald der Einlieferer, wenn er gleichzeitig öffentliche Haushaltsmittel erhält, jede Schranke von Angemessenheit überschreitet. Die gegenwärtige Situation ist zudem keinem Borchardtianer neu. Beinahe jeder Forscher hat unter dem Gezerre mit diesen Erben gelitten und bei ihrer permanenten Springprozession oft alle Lust an einer Weiterarbeit eingebüßt. Solange das Machtmittel des Urheberrechts solche Quälereien deckte, war jede Planungssicherheit ad majorem Rudolfi gloriam verunmöglicht. Erst Heribert Tenschert konnte sich Mitte der neunziger Jahre durch einen Masterplan von diesen Geduldsspielen (fast ganz) befreien.

          Aus Respekt vor der Bedeutung dieses Œuvres

          Nun meldet sich der Club des toten Dichters zu einem Sachstandsbericht über Editionsfragen und proklamiert nach Kenntnisnahme höchstens eines Bündels willkürlich gegriffener Fotokopien, dieser Nachlasstext sei „literarisch durchaus zweifelhaft“ und beschädige obendrein den „sowieso moralisch angeschlagenen Ruf des Autors“. Was für ein Renegatenstreich! Und wie hintergründig klingt da plötzlich Borchardts berühmter Satz: „Ich lasse mich nicht zu dem Niveau meiner Leser herab, sondern setze das meine.“

          Die Bedenken, ob es dieser Roman mit „Berlin Alexanderplatz“ aufnehmen könne, sind eine Deutschlehrersorge. So oder so sind tausend Seiten ja keine Kleinigkeit wie etwa drei Kassiber an das Kindermädchen, die sogar ein Versessener wie ich, in verehrender Erinnerung an Frau Marel Borchardt (1896 bis 1989), nur zu gern der Schublade überlässt. Dass es bei Borchardt keine hingehudelte Zeile gibt, wird niemand bestreiten - Rudolf Alexander Schröder legte mit dem Seufzer: „Leider kein einziges schlechtes Gedicht!“ den Gedichtband von 1957 beiseite. Eine künftige Gesamtausgabe darf auf einen Text dieser Dimension keinesfalls verzichten. Und das nicht, wie man jetzt durchschmecken soll, aus Sensationsgier der Editoren am Zwischenmenschlichen, sondern aus Respekt vor der Bedeutung dieses unspaltbaren Œuvres.

          Dazu ein paar Zahlen: Die Klett-Ausgabe umfasst, soweit es nur Prosa und Reden betrifft, in acht Bänden rund 3600 Seiten. Davon hat Borchardt zu Lebzeiten nur 2000 publizieren können. Die knappe Hälfte entfiel aufs Unveröffentlichte, ausgewählt und angeordnet von wechselnden Bearbeitern, nach dem Goldwäscherprinzip. Ergänzt man die Kalkulation durch das seit dem letzten Band („Prosa VI“, 1990) inzwischen verstreut Gedruckte und rechnet man Vorstufen samt Kommentierung hinzu, verdoppelt sich der Umfang - den Roman nicht mitgerechnet. Nichts dringlicher demnach, als diese Überlieferung so komplett und komplex wie möglich endlich einmal herzustellen.

          Eine mündige Öffentlichkeit soll entscheiden

          All das hindert Herrn Kauffmann nicht, den Ort dieses „Hauptwerks“ im Gesamtwerk mit dem Sextanten einer altbackenen Literaturpsychologie zu errechnen, gleichsam divinatorisch. Für ihn ist Borchardt „zeitlebens ein Erotomane“, Bordellgänger und Ehebrecher mit „fortgesetzter Untreue“, „immer wieder“. Derlei en passant verdrehte biographische Details stimmen zwar höchstens nur halb, aber mit Hilfe von Einschränkungen wie „offenbar“, „vermutlich“ und „wohl nicht“ liest es sich flüssig. Der Klappmechanismus gerät zum Krankenblatt: Niederschrift als „psychische Ventilfunktion“ in einer „desolaten“ Lage, der Verfasser zugleich „physisch geschwächt und durch die Nationalsozialisten um seine literarischen Möglichkeiten gebracht.“ Reaktionen auf die Lebenskatastrophe von 1933 ergeben „Omnipotenzphantasien eines gealterten Mannes“. Als „integraler Bestandteil der eigenen Selbstinszenierung“ verwandelt sich gescheiterter Konservatismus in schöpferische Erektion. Einmal mehr also kuriert uns die Theorieapotheke von der Tatsachenwelt. Wenn Rudolf Borchardt auf etwas stolz war, dann auf sein „dunkles Missgefühl“, das ihn davor bewahrt habe, „ein deutscher Professor zu werden“.

          Bloggergetue zur Anmeldung germanistischer Deutungshoheit hilft uns im Augenblick nicht weiter. Dienlich sind jetzt nur Gelassenheit, das Verhandlungsziel, Durchsetzungshärte und vielleicht auch Geld. Dürften in diesem Bücherherbst zwei Bände der von Heribert Tenschert seit 2007 geförderten „Sämtlichen Werke“ erscheinen, könnte jeder lesen, was darin steht, und selbst ermessen, wie viel es ihm taugt. Auch mein alter Freund Cornelius Borchardt wüsste dann genauer, was eigentlich er da im Tresor unter der Schillerhöhe absinken lässt, auf Nimmerwiedersehen in diesem Dasein. Über den Rang eines Dichters entscheidet kein Bielefelder Seminar, sondern die mündige Öffentlichkeit; und über den äußeren Erfolg die Bestenliste. In jedem Fall aber gilt Rudolf Borchardts Diktum: „Es muss heraus, was war, was ist und was wird, damit die Wasser nicht stocken.“

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