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Borchardts Roman „Weltpuff Berlin“ : Rudolf ruchlos oder: Sex, bis der Arzt kommt?

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Dazu ein paar Zahlen: Die Klett-Ausgabe umfasst, soweit es nur Prosa und Reden betrifft, in acht Bänden rund 3600 Seiten. Davon hat Borchardt zu Lebzeiten nur 2000 publizieren können. Die knappe Hälfte entfiel aufs Unveröffentlichte, ausgewählt und angeordnet von wechselnden Bearbeitern, nach dem Goldwäscherprinzip. Ergänzt man die Kalkulation durch das seit dem letzten Band („Prosa VI“, 1990) inzwischen verstreut Gedruckte und rechnet man Vorstufen samt Kommentierung hinzu, verdoppelt sich der Umfang - den Roman nicht mitgerechnet. Nichts dringlicher demnach, als diese Überlieferung so komplett und komplex wie möglich endlich einmal herzustellen.

Eine mündige Öffentlichkeit soll entscheiden

All das hindert Herrn Kauffmann nicht, den Ort dieses „Hauptwerks“ im Gesamtwerk mit dem Sextanten einer altbackenen Literaturpsychologie zu errechnen, gleichsam divinatorisch. Für ihn ist Borchardt „zeitlebens ein Erotomane“, Bordellgänger und Ehebrecher mit „fortgesetzter Untreue“, „immer wieder“. Derlei en passant verdrehte biographische Details stimmen zwar höchstens nur halb, aber mit Hilfe von Einschränkungen wie „offenbar“, „vermutlich“ und „wohl nicht“ liest es sich flüssig. Der Klappmechanismus gerät zum Krankenblatt: Niederschrift als „psychische Ventilfunktion“ in einer „desolaten“ Lage, der Verfasser zugleich „physisch geschwächt und durch die Nationalsozialisten um seine literarischen Möglichkeiten gebracht.“ Reaktionen auf die Lebenskatastrophe von 1933 ergeben „Omnipotenzphantasien eines gealterten Mannes“. Als „integraler Bestandteil der eigenen Selbstinszenierung“ verwandelt sich gescheiterter Konservatismus in schöpferische Erektion. Einmal mehr also kuriert uns die Theorieapotheke von der Tatsachenwelt. Wenn Rudolf Borchardt auf etwas stolz war, dann auf sein „dunkles Missgefühl“, das ihn davor bewahrt habe, „ein deutscher Professor zu werden“.

Bloggergetue zur Anmeldung germanistischer Deutungshoheit hilft uns im Augenblick nicht weiter. Dienlich sind jetzt nur Gelassenheit, das Verhandlungsziel, Durchsetzungshärte und vielleicht auch Geld. Dürften in diesem Bücherherbst zwei Bände der von Heribert Tenschert seit 2007 geförderten „Sämtlichen Werke“ erscheinen, könnte jeder lesen, was darin steht, und selbst ermessen, wie viel es ihm taugt. Auch mein alter Freund Cornelius Borchardt wüsste dann genauer, was eigentlich er da im Tresor unter der Schillerhöhe absinken lässt, auf Nimmerwiedersehen in diesem Dasein. Über den Rang eines Dichters entscheidet kein Bielefelder Seminar, sondern die mündige Öffentlichkeit; und über den äußeren Erfolg die Bestenliste. In jedem Fall aber gilt Rudolf Borchardts Diktum: „Es muss heraus, was war, was ist und was wird, damit die Wasser nicht stocken.“

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