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Borchardts Roman „Weltpuff Berlin“ : Rudolf ruchlos oder: Sex, bis der Arzt kommt?

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Eine Springprozession, die beinahe jeder Forscher kennt

Dass Borchardts jüngster Sohn (Jahrgang 1928) nach erstem Herumblättern in Marbach das Originalmanuskript sogar zurückverlangte - wie man hört: „um es endlich zu verbrennen“ -, ist aus seiner Sicht begreiflich. Musste er nicht den Anfangssatz einer obenauf liegenden Novelle als postumen Griff seines Vaters ans eigene Portepee empfinden? Nämlich: „Auch dies ist nie zu Menschenohren gedrungen und wird es nie, ich erlebe es wieder auf dem verschwiegenen Blatt, nicht für Augen, sondern für die Flammen, die es verzehren werden, wenn es sich und mir genügt hat.“ Aber dieser bekannte Topos fordert doch von Nachfahren nichts anderes als jenen dienenden Ungehorsam, der uns die „Aeneis“ Vergils ebenso zu kennen erlaubt wie Kafkas „Process“! Hat Ulrich Raulff mit der ihm vorerst abgenötigten Einwilligung, für zwanzig Jahre den Safeschlüssel herumzudrehen, am Ende auch ein simples Bildungsmissverständnis aufgedeckt?

Natürlich sichert das DLA seinen Mandanten bei Ankäufen und Übergaben auf Wunsch Teilsperrungen zu. Dabei geht es nicht um Zensur, sondern um die Gewährleistung absoluter Vertrauenswürdigkeit in der heiklen Sphäre privater Hinterlassenschaften. Dieser ehrenwerte Grundsatz steht aber nur so lange nicht auf dem Prüfstand, wie kein Dritter die Usance anzweifelt, sobald der Einlieferer, wenn er gleichzeitig öffentliche Haushaltsmittel erhält, jede Schranke von Angemessenheit überschreitet. Die gegenwärtige Situation ist zudem keinem Borchardtianer neu. Beinahe jeder Forscher hat unter dem Gezerre mit diesen Erben gelitten und bei ihrer permanenten Springprozession oft alle Lust an einer Weiterarbeit eingebüßt. Solange das Machtmittel des Urheberrechts solche Quälereien deckte, war jede Planungssicherheit ad majorem Rudolfi gloriam verunmöglicht. Erst Heribert Tenschert konnte sich Mitte der neunziger Jahre durch einen Masterplan von diesen Geduldsspielen (fast ganz) befreien.

Aus Respekt vor der Bedeutung dieses Œuvres

Nun meldet sich der Club des toten Dichters zu einem Sachstandsbericht über Editionsfragen und proklamiert nach Kenntnisnahme höchstens eines Bündels willkürlich gegriffener Fotokopien, dieser Nachlasstext sei „literarisch durchaus zweifelhaft“ und beschädige obendrein den „sowieso moralisch angeschlagenen Ruf des Autors“. Was für ein Renegatenstreich! Und wie hintergründig klingt da plötzlich Borchardts berühmter Satz: „Ich lasse mich nicht zu dem Niveau meiner Leser herab, sondern setze das meine.“

Die Bedenken, ob es dieser Roman mit „Berlin Alexanderplatz“ aufnehmen könne, sind eine Deutschlehrersorge. So oder so sind tausend Seiten ja keine Kleinigkeit wie etwa drei Kassiber an das Kindermädchen, die sogar ein Versessener wie ich, in verehrender Erinnerung an Frau Marel Borchardt (1896 bis 1989), nur zu gern der Schublade überlässt. Dass es bei Borchardt keine hingehudelte Zeile gibt, wird niemand bestreiten - Rudolf Alexander Schröder legte mit dem Seufzer: „Leider kein einziges schlechtes Gedicht!“ den Gedichtband von 1957 beiseite. Eine künftige Gesamtausgabe darf auf einen Text dieser Dimension keinesfalls verzichten. Und das nicht, wie man jetzt durchschmecken soll, aus Sensationsgier der Editoren am Zwischenmenschlichen, sondern aus Respekt vor der Bedeutung dieses unspaltbaren Œuvres.

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