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Roman „Sohn dieses Landes“ : Eine amerikanische Tragödie

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Richard Wright spielt seinen Protagonisten: Das Gesicht einer Zeit, in der ein Schwarzer in den für ein weißes Massenpublikum produzierten Filmen einer weißen Kultur immer eine Fehlbesetzung war. Bild: Picture-Alliance

In Richard Wrights Roman „Sohn dieses Landes“ ist das weiße Amerika ein eisiger Sturm, der über die Schwarzen hinwegfegt. Das Buch, das nun erstmals vollständig übersetzt erscheint, ist bis heute eine Provokation.

          In einer Schlüsselszene von „Native Son“, der 1950 entstandenen Verfilmung seines gleichnamigen Romans, wird Richard Wright in der Rolle des Chauffeurs Bigger Thomas von vier weißen Reportern bedrängt, die sich für die mutmaßliche Entführung der Tochter von Biggers Arbeitgeber interessieren. Wright hatte vor Beginn der Dreharbeiten ein paar Kilo abgenommen und sein Haar wachsen lassen. Seine helle, sanft und verhalten anmutende Stimme, der unschuldige Ausdruck seiner Augen und das jungenhafte Lächeln verleihen ihm den Anschein eines deutlich jüngeren Mannes und lassen den Zuschauer einen Moment lang vergessen, dass Bigger die junge Frau am Vorabend getötet und ihre Leiche im Kohleofen des Hauses verbrannt hat.

          Dass der 1908 auf einer Plantage östlich von Natchez, Mississippi, als Sohn eines Landarbeiters geborene Schriftsteller die Hauptfigur seines 1940 erschienenen Romans dennoch nicht überzeugend verkörperte, mag weniger daran gelegen haben, dass Wright mit einundvierzig Jahren mehr als doppelt so alt war wie Bigger Thomas, sondern daran, dass er seine schauspielerische Darstellung ebenjener Selbstzensur unterwarf, die er beim Schreiben des Romans auf radikale Weise überwunden hatte.

          „Sohn dieses Landes“, so der Titel der 1941 im Züricher Humanitas Verlag erschienenen und jetzt in überarbeiteter Neuausgabe bei Kein & Aber wiederaufgelegten Übersetzung von Klaus Lambrecht, die am Montag erscheint, ist ein Epos von fast homerischem Zorn, der Roman einer selbstzerstörerischen, im Inferno eines kulturellen Albtraums vollzogenen Entfesselung. Während sich in Wrights distanziertem, gewissermaßen selbstentfremdetem Spiel das Gesicht einer Zeit zu zeigen scheint, in der ein Schwarzer in den für ein weißes Massenpublikum produzierten Filmen einer weißen Kultur immer eine Fehlbesetzung war, offenbart seine literarische Darstellung des Bigger Thomas den aggressiven Zorn und den unkontrollierbaren Schmerz, das in panischer Verzweiflung pulsierende Herz eines im Schwarz-Weiß des amerikanischen Rassenkonflikts brutalisierten Menschen. Bigger reimt sich auf Nigger.

          Ein Zufall, dass ich nie gemordet habe

          „Die Südstaatler behaupteten, den ,Nigger‘ zu kennen, und ich war, was sie einen ,Nigger‘ nannten“, so Wright in „Black Boy“, seinen 1945 veröffentlichten Erinnerungen an die in Mississippi, Arkansas und Tennessee, in Armut und Angst verbrachte Kindheit und Jugend, an die Demütigungen und Diskriminierungen, „die Furcht vor den Weißen“, die sich als „ständige Bedrohung“ in Wrights Empfindungen und Phantasien einnistete. Sie war da, auch wenn er den Herabsetzungen durch die weißen Südstaatler keinen Glauben schenkte, wie es in „Black Boy“ heißt, und den „Wert meines Menschentums“ nie anzweifelte.

          Gloria Madison, Richard Wright, Gene Michael und Jean Wallace in der Verfilmung von „Native Son“, 1951: In „Sohn dieses Landes“ ist das weiße Amerika „eine drohende Naturgewalt“, ein eisiger Sturm, der über die Schwarzen hinwegfegt.

          „Gewiss, ich hatte gelogen. Ich hatte gestohlen. Ich hatte mit aller Kraft gegen die in mir brodelnde Wut angehen müssen. Ich hatte gekämpft. Und es war vielleicht nur ein Zufall, dass ich nie gemordet hatte“, so Wright, der das Leid der von einer Flucht in den Norden träumenden schwarzen Landbevölkerung in den Erzählungen von „Onkel Toms Kinder“ schilderte, seinem 1938 erschienenen Debüt. „Aber Widerstand, Aufsässigkeit und Aggression waren die einzigen Möglichkeiten, die mir der Süden gelassen hatte, wenn ich ein natürliches, wirkliches Leben führen und der Mensch sein wollte, der ich war.“

          „Hatte er nicht Unvorstellbares vollbracht?“

          Mit der Figur des Bigger Thomas, der mit seinen Freunden im Kino vor den Bildern weißer Frauen masturbiert und die betrunkene Mary Dalton im Affekt versehentlich erstickt, der ihrer Leiche den Kopf abhackt und in einer Schlüsselszene des Romans schließlich die Flucht ergreift, als die Reporter in der Asche des qualmenden Ofens erst einen Knochen und dann Marys Ohrring entdecken, entwarf Wright das imaginäre, ins Surreale überzeichnete Selbstporträt des jungen Mannes, dessen Schicksal auch für ihn vorherbestimmt schien, als er im Dezember 1927 neunzehnjährig im Schwarzengetto von Chicago eintraf.

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