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Drogen in der NS-Zeit : High Hitler

Pervitin ist wie Crystal Meth, nur nicht ganz so stark dosiert. Bild: Archiv

War der Blutrausch der Wehrmacht auch ein Drogenrausch? Wird Hitlers Irrsinn verständlicher, wenn man ihn als Junkie betrachtet? Norman Ohlers Buch „Der totale Rausch“ versucht einen neuen Blick auf die NS-Zeit.

          Drogen und Nazis kommen, was das Erregungs- und Skandalpotential angeht, im Grunde genommen ja gleich nach Sex und Nazis, weshalb es kein Wunder war, dass in der vergangenen Woche, als Norman Ohlers Buch „Der totale Rausch - Drogen im Dritten Reich“ erschien, die Erregungskurve verschiedener Leute sofort steil anstieg. In der „Süddeutschen Zeitung“ begeisterte sich Matthias Drobinski auf einer ganzen Seite Drei für das Buch, indem er es nicht bloß ungefiltert referierte, sondern erzählerisch auch noch wirkungsvoll aufputschte (was war da los?). In der „Welt“ machte sich ein Kollege daraufhin Sorgen um die Qualitätspresse und ließ es sich nicht nehmen, dabei auch gleich gegen das Buch zu polemisieren: 364 Seiten brauche es für die Erkenntnis, der Führer sei „nicht Herr seiner Sinne, sondern ein Druffi“ gewesen. Der „Spiegel“, von Haus aus Hitler-Themen immer zugeneigt, widmete sich der Angelegenheit in erwartbarer Ausführlichkeit, hielt aber Distanz: Der Autor mache Hitlers Leibarzt Theodor Morell, der diesem Drogen verabreichte, für den verlorenen Weltkrieg verantwortlich und relativiere auf diese Weise Hitlers Schuld. Woraufhin sich Norman Ohler selbst zu Wort meldete und sich verteidigte: Hitler habe noch so viele Drogen nehmen können, um sich weiterhin in dem Zustand zu halten, in dem er seine Taten beging: „Es mindert nicht seine monströse Schuld.“

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Höchste Zeit also, dass alle mal wieder runterkommen und aufhören, in dieser immer gleichen und obsessiven Ausschließlichkeit nur auf Hitler zu starren (keine Angst, um den geht’s gleich schon auch noch): Norman Ohlers Buch ist aus allein schon militärgeschichtlicher Perspektive eines der interessantesten Bücher der letzten Jahre. Es ist deshalb so interessant, weil der Autor in Archiven Materialien gefunden, durchgesehen und miteinander in Beziehung gesetzt hat, die der Forschung bisher zum Teil nicht bekannt waren oder in ihr immer nur am Rande vorkamen. Im Militärarchiv in Freiburg hat er einen ganzen Ordner mit sanitätsdienstlichen Berichten über das Doping der Soldaten gefunden, genauer gesagt: den Methamphetamingebrauch beim Angriff auf Polen am 1. September 1939. Er hat Dokumente gefunden, die schon im April und Mai 1939 die ersten systematischen Drogenversuche der Militärgeschichte belegen. Im Bundesarchiv in Koblenz sah er den Nachlass von Hitlers Leibarzt Morell durch, darunter ein akribisches Verzeichnis der täglich verabreichten Medikamente. In Washington Protokolle der Verhöre, die der amerikanische Geheimdienst mit Morell führte.

          Zwangseinweisung von Süchtigen

          Was er auf der Grundlage dieser und anderer Quellen skizziert, ist eine eigentlich gegenläufige Bewegung: Sie beginnt mit den Weltfluchttendenzen in der Weimarer Republik, insbesondere in Berlin, der „Experimentierhauptstadt Europas“, wo in einem „toxikologischen Taumel“ alles durcheinanderwirbelt. Die Schauspielerin und Tänzerin Anita Berber taucht bereits zum Frühstück weiße Rosenblätter in einen Cocktail aus Chloroform und Äther, um sie abzulutschen. Filme über Kokain und Morphium laufen in den Kinos. An den Straßenecken gibt es sämtliche Drogen rezeptfrei. Vierzig Prozent aller Ärzte, so heißt es, sind morphinsüchtig. In der Friedrichstadt betreiben chinesische Händler aus dem ehemaligen Pachtgebiet Kiautschou Opiumhöhlen.

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