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Drogen in der NS-Zeit : High Hitler

Theo Morell, Adolf Hitler und Morells Frau Johanna Morell vor dem Krieg

Und all das vor dem Hintergrund einer in Drogendingen führenden deutschen Pharmaindustrie: Merck, Boehringer und Knoll beherrschen achtzig Prozent des Weltmarktes für Kokain. Peru bringt seine gesamte Jahresproduktion an Rohkokain beinahe ausschließlich nach Deutschland zur Weiterverarbeitung. Darüber hinaus steht Deutschland 1926 an der Spitze der Morphin produzierenden Staaten und ist Exportweltmeister, was Heroin angeht.

Ohler schildert, wie dann die Nationalsozialisten kommen, gegen den „Verfall der Sitten“ giften, gegen die pharmakologische Heilsuche agitieren, die exaltierte Vergnügungskultur mit all ihren Offenheiten und Ambivalenzen ersticken. „Verführungsgifte“ sollen keinen Platz mehr haben in einem System, in dem allein der Führer verführen, also die alleinige, jeden und alles beherrschende Droge sein soll. Und so gibt es ab 1933 Zwangseinweisungen Süchtiger in geschlossene Anstalten. 1936 entsteht die erste reichsweite Drogenpolizeibehörde. Jeder Deutsche wird aufgefordert, „Beobachtungen über etwa an Rauschgiftsucht leidende Angehörige und Bekannte mitzuteilen, damit sofort Abhilfe geschaffen werden kann“. Bald landen Drogenkonsumenten in Konzentrationslagern und werden ermordet.

Anschaulichkeit der Quellen

Die Gegenbewegung setzt dort ein, wo im neuen Terrorregime den Anforderungen kaum jemand gewachsen ist: die Soldaten nicht, das Volk nicht und die Führungsriege bald auch nicht mehr - und sich alle zu dopen beginnen. Pervitin heißt die Zeitgeistdroge, ein Methamphetaminpräparat, dessen Wirkstoff das heutige Crystal Meth bestimmt. Erfinder ist der Chefchemiker der Firma Temmler, Dr. Fritz Hauschild, später einer der führenden Sportphysiologen der DDR und in den fünfziger Jahren Impulsgeber zum DDR-Dopingprogramm. 1939 tauchen auf Litfaßsäulen erste Pervitin-Werbungen auf, auf denen das rot-blaue Röhrchen mit dem geschwungenen Schriftzug zu sehen ist. Es schlägt ein wie eine Bombe. Lernende nehmen das Mittel, um die Anstrengungen von Prüfungen besser überstehen zu können (an der Uni in München wird ein Zimmer für sogenannte Pervitin-Leichen eingerichtet, wo überdosierte Studenten ihren Rausch auskurieren können), Krankenschwestern werfen die Tabletten ein, um den Nachtdienst durchhalten zu können, schwer körperlich oder geistig Arbeitende, um zu Höchstleistungen zu gelangen.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Die Kenntnisse vom Aufputschmittel Pervitin mögen nicht neu sein, im zivilen Bereich genauso wenig wie als „Wunderpille der Wehrmacht“. Norman Ohlers Verdienst ist es aber, die Verbreitung des Stoffs in alle gesellschaftlichen Bereiche und auf alle Ebenen zu verfolgen und diese miteinander in Beziehung zu setzen. „Wie die verordnete Volksgemeinschaft in immer umfassenderem Maße der Droge bedurfte, um zu funktionieren“, schreibt der Historiker Hans Mommsen in seinem Nachwort zu „Der totale Rausch“, das werde in Ohlers Buch anschaulich vorgeführt und die von den Nationalsozialisten propagierte idealistische Motivation stark relativiert. Die Anschaulichkeit seiner Quellen ist Norman Ohlers Kapital: Ein im Militärarchiv in Freiburg erhaltener „Weckmittelerlass“ vom 17. April 1940 verordnet die planmäßige Einführung von Pervitin in der Sanitätsausrüstung, mit der der selbst pervitinsüchtige Heeresphysiologe Otto Ranke Erschöpfungszustände bekämpfen will. Bei den Temmler-Werken bestellt die Wehrmacht für Heer und Luftwaffe daraufhin 35 Millionen Pervitin-Tabletten, die Soldaten im Feld unter die Aufschläge ihrer Feldmützen stecken, um durchzuhalten, bis in die letzten Kriegstage hinein, als die Niederlage längst klar ist.

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