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Renaissance des Hörspiels : Stimmen hören fördert Ihre Gesundheit

Aus der Blackbox tönt eine Stimme – zwei Mädchen 1925 vor dem Phonoschrank Bild: Bridgeman Images

Vor hundert Jahren wurde es erfunden, heute ist es beliebter denn je, daran ändert auch Corona nichts – im Gegenteil. Von der Renaissance eines Experiments mit der Unterhaltung.

          6 Min.

          Die menschliche Stimme ist nichts als ein Hauch, ein Luftstrom nur und doch so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. In Mund, Rachen und Nasenhöhle zum Schall moduliert, kann die Stimme Schreie erzeugen, Weinen oder Flüstern, sie kann singen, lachen und sprechen und vielfältigste Klangfarben erschaffen. Die großen Sprechkünstler haben ihren Stimmapparat entsprechend trainiert, um aus dem unerschöpflichen Reservoir an Lauten die perfekte Illusion entstehen zu lassen. Ihr ureigenes Terrain ist das Hörspiel, und ihre Kunstfertigkeit liegt darin, über ihre Stimmen im Zusammenspiel mit Technik den Film im Kopf zum Laufen zu bringen. Da geraten wir an die Seite des Anzeigenaquisiteurs Leopold Bloom auf seinem Irrweg durchs Dublin des 16.Junis 1904. Oder erleben die akustische Befreiung des Prometheus durch Heiner Müller. Oder glauben, soeben der Live-Übertragung einer Invasion vom Mars beizuwohnen.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Hörspiel ist, wenn Kunst auf Technik trifft, Experiment auf Unterhaltung. In Zeiten von Corona wird diese mediale Besonderheit gar zur künstlerischen Überlebensstrategie. Denn von allen Künsten ist das Hörspiel das einzige, das durch das Virus keiner Rezeptionsbeschränkung unterliegt. Wer Orte wie die Oper, das Museum oder das Kino gerade lieber meidet und an Bühnen-Übertragungen im Internet den Live-Moment vermisst, der kann zu Hause sorglos Hörspiele hören. In ihrem performativen Charakter hat sich nichts verändert. Und auch bei der Produktion schränkt Corona das Hörspiel nur etwas ein im Vergleich zu anderen Sparten. Zwar dürfen derzeit nur je zwei Sprecher für Aufnahmen gleichzeitig ins Studio, während die Menschen vom Ton und der Regie durch eine Plexiglasscheibe voneinander getrennt sitzen, wie die Hörspielleiterin des Hessischen Rundfunks, Cordula Huth, erläutert, doch lassen sich all die Stimmen, Geräusche und Töne technisch zusammenführen wie eh und je.

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