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Reinhard Jirgl wehrt sich : Rafik Schami überschreitet Grenze zur Verleumdung

  • -Aktualisiert am

In der DDR durfte er nicht publizieren, 2010 erhielt er den Büchner-Preis: Reinhard Jirgl im Oktober 2013 in Frankfurt. Bild: Frank Röth

Der syrisch-deutsche Autor Rafik Schami hat fünf Autoren der Islamophobie und des Schürens von Ressentiments bezichtigt. Büchner-Preisträger Reinhard Jirgl gehört zu den Attackierten. Eine Widerrede.

          Zu der allgemeinen Debatte über alles, was unter das Reizwort „Flüchtling“ fällt, hat nun auch der Autor Rafik Schami seine Meinung in Form eines Interviews beigetragen (im „Kölner Stadtanzeiger“ am 15. März 2016, seither von verschiedenen Medien aufgegriffen). Das ist sein gutes Recht. Er empfindet „Trauer, Wut und Scham“ über alles Mögliche, und das ist ebenfalls sein gutes Recht. Ihn „beschäftigt eine Schar von Intellektuellen, die völlig unbeachtet vom Volk vor sich hin brabbelte“, was ebenfalls sein gutes Recht ist, selbst wenn man nicht versteht, warum er wegen dieser unbeachteten Schar, der er attestiert: „nach wie vor blieben sie ohne jeden Einfluss“, sich dennoch in so publikumswirksame Erregung versetzt. Sei’s drum.

          Herr Schami nennt fünf Autoren, darunter mich. Diese fünf „Männer mit echten deutschen Namen“ werden wiederholt als „Schar“ bezeichnet, als „Kreise“, als „diese Herren“, die also offenbar irgendwelche gemeinsamen Verlautbarungen herausgegeben haben. Selbst das mag man durchgehen lassen, auch wenn ich, denn nur für mich allein kann ich sprechen, von den anderen vier Kollegen nur einen persönlich kenne, mit keinem je irgendwelche Meinungsäußerungen publiziert habe und in keinem der Zitate oder Paraphrasen irgendeine von mir wo auch immer getane Aussage wiederfinde. Offenkundig hat Herr Schami so wenig je ein Wort von mir gelesen wie ich von ihm, was unser beider gutes Recht ist.

          Irgendetwas wird schon hängenbleiben

          Doch jetzt hört der Spaß auf. „Die Islamphobie ist der salonfähige Antisemitismus.“ Ich werde mich nicht über die Absurdität gerade dieser peinlichen Analogie auslassen, auch wenn laut Herrn Schami es ausgerechnet noch prätendierte „Sorge um die ,jüdischen Mitbürger‘“ sein soll, was die Delinquenten auf der von ihm zusammengestellten schwarzen Liste zu ihrem salonfähigen Antisemitismus treibe. Mich, der Herrn Schamis Namen nur vom Hörensagen kennt, interessiert auch nicht, welche persönlichen Kränkungen ihn dazu treiben, mir gegen ihn - und damit offenbar automatisch gegen die gesamten „arabischen Kulturen“ - gerichtete „Feindseligkeit“ zu unterstellen; ich gebe ihm jederzeit die Freiheit, mich für einen brabbelnden Dummkopf zu halten und meine Romane oder Aufsätze auch ohne Lektüre für vollendeten Unsinn, bitte. Die Ferndiagnose „Feigheit“ akzeptiere ich achselzuckend, wenn’s denn Herrn Schami Mut macht. Mir vorzuhalten, ich hätte ihm „Kollegialität“, „Gastfreundschaft“ und „Hilfe“ verweigert, ist so lächerlich, als würde ich ihm dasselbe für meine Jahrzehnte in der DDR-Diktatur ankreiden, als meine Manuskripte keine Bücher werden durften.

          Doch niemandem, niemandem gestehe ich das Recht zu, ohne jede Kenntnis dessen, was ich denke, schreibe oder sage, mich mit Vokabeln wie „salonfähiger Antisemitismus“, „Hasser“, „Verachtung der Muslime“ zu bewerfen. Auch die haarsträubende intellektuelle und sprachliche Wirrnis, mit der Herr Schami mir sowohl „Islamphobie“ als auch das Bestreben vorwirft, „die Aggressionen der Islamisten gegen Christen und Juden in den arabisch-islamischen Ländern zu schüren“, selbst diese interviewgewordene Verleumdung folgt nur einer einzigen Strategie: Irgendetwas wird schon hängenbleiben an diesem Jirgl und seiner Fünferbande.

          Eine Grenze, die keiner überschreiten darf

          Und irgendetwas bleibt auch bereits an mir hängen, das habe ich inzwischen erfahren. Es nützt nichts, wenn ich hier erkläre, dass ich nie und nirgends etwas über Muslime und den Islam geschrieben habe und deshalb auch nicht gegen sie, schon allein, weil ich nichts davon verstehe; es nützt nichts, wenn ich sage, dass ich mich „über die arabischen Kulturen“ aus dem gleichen Grunde nie und nirgends geäußert habe und deshalb auch keine „Klischeebilder über die arabischen Kulturen“ verbreitet haben kann; und wenn mir allein schon der Anstand verbietet, mich gegen den Vorwurf des „salonfähigen Antisemitismus“ zu verteidigen, dann wird auch das nichts nützen. Irgendetwas bleibt hängen. Irgendwie macht alles die Runde. Irgendwann wird jeder gelesen haben, Reinhard Jirgl hätte islamophobe oder antisemitische Sachen geschrieben. Und keiner wird wissen, wo. Und keiner wird wissen, dass es diese Texte nicht gibt.

          Wenn Autoren, was immer sie sonst zu verfassen pflegen und aus welchen Gründen auch immer, in der gegenwärtigen Debatte zu solchen Lügen greifen, dann kann ich nur eines sagen:

          Es widert mich an. Wenn einer mich als Wirrkopf bezeichnet, als Konservativen, Nationalkonservativen, durchgedrehten Poststrukturalisten oder was der naturgemäß sehr flachen Etiketten sonst noch sein mögen, interessiert mich all das nicht. Aber Rafik Schami hat die Grenze von der Debatte zur persönlichen Verleumdung überschritten, die keiner überschreiten darf, niemals. Wer das tut, verlässt den Kreis derjenigen, mit denen zu sprechen ist. Das stelle ich hier fest, und ich lehne es ab, noch ein weiteres Wort dem Verleumder zu erwidern.

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