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Reihe „Mein Fenster zur Welt“ : Stockholm – Mein Schreibtisch ist ein fliegender Teppich

  • -Aktualisiert am

Der Himmel über Stockholm Bild: Picture-Alliance

Quarantäne bedeutet auch geteilte Geborgenheit: Wohl dem, der Dach, Kühlschrank und Internet hat – und am besten auch noch einen Schreibtisch, mit dem die Gedanken überall hinfliegen können.

          3 Min.

          Dort, wo mein Schreibtisch steht, sind die Vorhänge zugezogen. Der Stoff ist aber grobmaschig genug, um die Fassaden auf der anderen Straßenseite durch das Fenster blicken zu lassen. Die sienaroten und stockholmgelben Häuser interessieren mich offengestanden wenig. Wenn ich den Blick über die Dächer richte, schimmert jedoch der Himmel.

          Seit Monaten ist dieses begrenzte Stück Unendlichkeit entmutigend grau gewesen. Aber am selben Tag, an dem unsere Krankenhäuser auf militärische Führung schalten, ist der Himmel hoch und blau. Kurz: unwiderstehlich. Wenn ich über ihn nachsinne, fällt es schwer, Pascal zu glauben. Verschanzt bei den Zisterziensern vor den Toren von Paris, notierte er gegen Ende seines Lebens: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ An Tagen wie diesem bewahrheitet sich seine Aussage allerdings mit elender Schärfe. Was die Rettung eines Menschen sein sollte, der freie Umgang mit anderen unter nacktem Himmel, ist zur größten Gefahr geworden. Ohne Zusammenarbeit wird die Bedrohung allerdings kaum verschwinden. Wie mit diesem Widerspruch zurechtkommen?

          Gemeinschaft in Isolation

          Inzwischen wissen wir es: Das Virus unterscheidet nicht zwischen Volk und Fürsten, kennt keine Grenzen und greift uns an, wo wir am entschiedensten mit unserer Umgebung im Austausch stehen: durch Augen, Nase und Mund. Es vermeidet, was uns selbst selten zu meiden gelingt: die Diskrimination. Gleichwohl wird uns nun Trennung empfohlen.

          Der einzige mildernde Umstand, den ich bei dieser sozialen Distanzierung zu erkennen vermag, ist ihre Verwandtschaft mit Literatur. Wenn der Pianist Igor Levit abends live auf Twitter Hauskonzerte gibt, erzeugt er Gemeinschaft in Isolation. Diese Solidarität der Einzelnen ist stets die Stärke des geschriebenen Wortes gewesen. Ein Buch lässt seinen Leser in Ruhe, ohne ihn einsam zu machen. Es gibt ihm ein Retourticket zu einer Welt, die er auf eigene Faust erlebt, ohne den Kontakt zu anderen Wesen zu verlieren, die möglicherweise fiktiv, aber deshalb nicht weniger umwerfend sind.

          Aris Fioretos, schwedischer Schriftsteller und Übersetzer österreichisch-griechischer Herkunft, lebt in Stockholm.

          Wenn ich den Blick auf meinen Schreibtisch senke, denke ich, dass die Abgeschiedenheit, die nun gefordert wird, sozial bleiben muss. Wenn die Türe geschlossen werden, sollte niemand in „splendid isolation“ gehen, wie Gustav Mahler die Wochen nannte, in denen er sich zurückzog, um zu komponieren. Im Gegenteil. Pflegen wir kollektiv Distanz. Quarantäne bedeutet Unterbrechung – nicht zuletzt ökonomisch. Sicherlich ist sie einfacher für die zu erdulden, die Dach, Kühlschrank und Internet haben. Aber sie bedeutet auch: geteilte Geborgenheit. Die deutsche Sprache nennt dieses Gefühl gern „Heimat“, die französische sagt „la patrie“. Vielleicht kommt die schwedische dem Zustand etwas näher. Wir sagen „fosterland“, wortwörtlich: „Geschöpf“- oder „Erziehungsland“. Dies ist weder eine bestimmte Kuschelecke der Welt noch ein symbolisches Reich, das auf väterlichen Werten ruht. Sondern der Grund, auf dem ein Mensch gebildet wird.

          Mit niemandem so viele Geheimnisse geteilt

          Zwar bin ich von Eltern aus unterschiedlichen Kulturen in einem dritten Land erzogen worden, das während des letzten Dreivierteljahrhunderts auf die Vorstellung eines „Volksheims“ gebaut hat. Dennoch bilde ich mir ein, mein wahres fosterland bleibt der Schreibtisch. Nirgendwo habe ich mehr Zeit verbracht, nirgendwo bin ich so vielen Interessen nachgegangen oder öfter eines Besseren belehrt worden.

          Über die Jahre hat der Tisch seine Form geändert. Am Anfang gab es ein wackeliges Ding mit Spitzentuch in einer griechischen Hafenstadt. Jeden Morgen während eines Sommers musste mein Teenie-Ich das erniedrigende Tuch unter der Schreibmaschine entfernen. Dennoch reichte ein Besuch auf dem stillen Örtchen aus, um meiner Tante die Chance zu geben, das Tuch wieder hinzulegen. Lange danach bestand das fosterland aus einer Tür, die auf Böcken ruhte. Es sind auch Büromöbel darunter g

          Allen Tischen gemeinsam ist, dass ich sie als fliegende Teppiche mit vier Beinen wahrgenommen habe. Zu ihren besten Eigenschaften gehört, dass sie überallhin führen konnten, auch nach Gehenna oder Shangri-La, ohne dass sich mein Körper bewegen würde. Inzwischen besteht mein Teppich mit Fluglizenz aus einer Konstruktion aus Holz und Stahlrohr. Mit niemandem habe ich so viele Geheimnisse geteilt wie mit diesem Tisch. Hätte ich genug Muskelkraft, er wäre das Erste, was ich bei einem Feuer retten würde.

          Stets standen die Tische vor einem Fenster. Es hat lange gedauert, bis mir das auffiel. Vielleicht hat es mit der Verwandtschaft zwischen Tischplatte und Fenster zu tun. Beide haben vier Ecken, beide ermöglichen Gedankenflucht und bieten dennoch Schutz. Dürfte ich den Mitmenschen, mit denen ich in diesen Tagen der Panik und Pandemie die Distanz teile, etwas wünschen, es wäre ein fliegender Teppich. Für den, der „ruhig in seinem Zimmer“ bleibt, bietet die Fläche Fundament genug, um sich sozial zu erziehen. Manchmal erinnert er sogar an den Himmel, ob trüb oder gerade blau.

          Aris Fioretos, schwedischer Schriftsteller mit griechisch-österreichischen Wurzeln, lebt in Stockholm.

          Auch mit zugezogenen Vorhängen ein Fenster zur Welt

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