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Literaturfestival Berlin : Zwei Kerle für Ronja

Wie Vater und Sohn: Joschka Fischer und Robert Habeck. Bild: EPA

Wenn die Podien immer politischer werden, wird die Literatur an den Rand gedrängt: Beim Berliner Literaturfestival gab es dennoch Lohnendes zu entdecken.

          3 Min.

          An diesem Herbstabend war das Hebbel-Theater in der Kreuzberger Stresemannstraße ausverkauft. Die Veranstaltung stand im Programm des Berliner Literaturfestivals, aber es ging nicht um Literatur. Auf der Bühne saßen zwei Männer, die auch Bücher geschrieben haben, jedoch in anderen als ihren schriftstellerischen Rollen bundesweit bekannt sind: Robert Habeck und Joschka Fischer. Die Rollen, die sie im Hebbel-Theater spielten, waren die von Vater und Sohn.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das drückte sich schon in Kleidung und Haltung aus. Der eine trug Jackett, der andere Pulli; der eine saß mit den Füßen zum Publikum, der andere mit den Füßen zum Tisch. Noch spannender im Sinn der politischen Familienaufstellung aber war es, den Weg eines Wortes zu verfolgen, das im Lauf des Abends von hüben nach drüben wanderte: das Wort „Macht“. Fischer gebrauchte es zuerst, als er über seine Zeit als Außenminister sprach: „Geld ist Macht, und Macht muss man nutzen.“ Dann schwebte es eine Weile im Raum, bevor es sich, fast heimlich, bei Habeck niederließ: Man müsse, sagte er, gute Wahlergebnisse „in machtpolitische Operationen umsetzen“. Eigentlich sollte es ja um die Grünen gehen, ihre Geschichte, ihre Aussichten, aber was in Wahrheit auf der Bühne geschah, war die Weitergabe eines Sounds. Fischer hatte ihn mitgebracht; Habeck nahm ihn an. Man könnte ihn den Regierungs-Ton nennen: kein hedonistisches Gönnenkönnen mehr, sondern Verantwortungsethik („was dem Land dient“) und Krisenstolz („die Grünen sind genau für diese Zeit gegründet worden“). Die beiden spielten ihren Staatsakt gut. Ihr Lohn war überschwänglicher Beifall.

          Weg von der Literatur, hin zur Politik

          Es war das wohl meistbeklatschte Event des Festivals, und das hat nicht nur mit Fischer und Habeck zu tun. Seit achtzehn Jahren gibt es das Berliner Literaturfestival, und wenn man seine Fieberkurve über die Jahre nachzeichnet, stellt man überrascht fest, dass sie von der Literatur weg und zur Politik hinführt. Das zeigt sich nicht nur in den Titeln der Nebensektionen, die etwa „Decolonizing Worlds II“ und „About: Sex“ heißen, es schlägt sich auch im Programmangebot nieder. Am selben Abend, an dem die beiden Grünen ihr kantianisches Duett aufführten, diskutierten ein Charité-Arzt und eine Philosophin über „Gehirnforschung und die Dimensionen menschlichen Begehrens“, zwei Autoren und zwei Medienwissenschaftler erkundeten „Begleitphänomene einer Überantwortung der Textproduktion an intelligente Maschinen“, und auf der Museumsinsel fragte ein Roundtable zum hundertsten Mal, wie mit Kunstwerken „aus kolonialen Kontexten“ zu verfahren sei. Wem das noch nicht reichte, der konnte tags drauf einen „Singularitätstheoriekenner“ mit einem „Schwarmintelligenzforscher“ über „wesenhafte KI-Apparaturen“ fachsimpeln und die Integrationsbeauftragte des Deutschen Sportbunds über Diversity im Sport dozieren sehen.

          Wenn das Reden über alles Mögliche zum Kerngeschäft eines Literaturfestivals wird, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Begegnung mit den Schreibenden und ihrem Schreiben an den Rand gedrängt wird. Der Franzose Mathias Énard und die Argentinierin Claudia Piñeiro beispielsweise saßen bei ihren Auftritten in der James-Simon-Galerie und im Instituto Cervantes jeweils vor nur drei dutzend Zuhörern. Dennoch gehörten die beiden Lesungen zu den interessanteren dieses Festivals; die eine, weil bei der Vorstellung der Gaphic Novel „Zuflucht nehmen“, die Énard gemeinsam mit der libanesischen Zeichnerin Zeina Abirached verfasst hat, der Seh- den Höreindruck ergänzte und überlagerte, die andere, weil sie selbst wie eine Szene aus einem Roman wirkte, den Milan Kundera nicht geschrieben hat: Die Einsamkeit der argentinischen Bestsellerautorin in Berlin.

          Damit du ein weibliches role model hast

          Dabei geht es in Piñeiros neuem Buch „Der Privatsekretär“ um vieles, was uns heute zu schaffen macht: populistische Politiker, Männerfreundschaft, sexuelle Gefälligkeiten und was daraus folgt. Auch Claudia Piñeiro hat übrigens ein Betriebsgeheimnis, und sie verriet es dem Moderator, als er einmal zu oft nachfragte: Ihr Ehemann ist in der Politik.

          David Diop kommt nicht aus der Politik, sondern aus der Wissenschaft – er lehrt an der Universität von Pau –, aber seinem Buch „Nachts ist unser Blut schwarz“ merkt man das nicht an. Diop erzählt von einem senegalesischen Soldaten, der im Ersten Weltkrieg an der Westfront für Frankreich kämpft, seinen besten Freund verbluten sieht und dessen Tod rächt, indem er zum Schreckgespenst seiner Kameraden wird, zum Schwarzen Mann des Grabenkriegs. Diop hat den Roman geschrieben, indem er, wie er erklärte, unter das Französische den Rhythmus der Wolof-Sprache des Senegal legte, und weil sein deutscher Übersetzer Andreas Jandl ein Könner ist, war die Lesung in Berlin zugleich ein sprachmusikalisches wie erzählerisches Erlebnis. Man könnte sich ganze Postkolonialismus-Podien ersparen mit diesem Roman. Aber einstweilen hat das Gerede die Nase vorn.

          Welches Buch sie dem jeweils anderen empfehlen würden, wurden Fischer und Habeck zum Schluss gefragt. Fischer nannte ein Sachbuch über Silicon Valley, Habeck empfahl „Ronja Räubertochter“ – „damit du ein weibliches role model hast“. Ronja, brummte Fischer zurück, so heiße schon seine Großnichte. Es bleibt eben alles in der Familie.

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