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Ratgeberliteratur für Frauen : Wenn ich du wäre, wäre ich lieber ich

Die Frau der Gegenwart ist eine aus Stahl: Kimberly Kane als Wonder Woman Bild: AP

Hunderte von Büchern belehren Frauen im Ton der allerbesten Freundin, wie sie ihr Leben perfekt und zugleich entspannt führen können. Ein Streifzug durch die Beratungszone.

          Die moderne Frau ist ein verunsichertes Wesen, weshalb sie sich sehr viele Fragen stellt. Diesen Satz kann man auch anders formulieren: Die moderne Frau ist ein verunsichertes Wesen, weil sie sich so viele Fragen stellt und vor allem: so viele gestellt bekommt. Eine wahre Fragen-, Mitteilungs-, und Rechtfertigungsmanie hat inzwischen dazu geführt, dass man aus allen Ecken mit Ratschlägen und Betroffenheitsprosa zugemüllt wird, die einem das Dasein als Frau erleichtern und erklären wollen, obwohl man selbst gar nicht den Eindruck hat, dass das Frausein automatisch einen großen Leidensdruck mit sich bringt. All das ließe sich ignorieren, hätte es mittlerweile nicht etwas Übergriffiges.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Den weiblichen Drang, um sich selbst und vor allem das eigene Geschlecht zu kreisen, befriedigen das Internetmagazin „Slate“ sowie die Zeitschrift „The Atlantic“ - um nur zwei Beispiele zu nennen - dadurch, dass sie Rubriken für frauenspezifische Themen eingerichtet haben.

          „Sind Sie unsicher, was Ihre Vagina betrifft?“

          Rubriken, die sich ausdrücklich an Männer richten, existieren nicht. In diesem eindeutig abgesteckten Themenfeld werden dann Fragen verhandelt wie: „Sind Sie unsicher, was Ihre Vagina betrifft? Ein Foto von ihr ins Internet zu stellen löst das Problem nicht!“, „Sollte eine Frau in einem Bikini erwarten, ernst genommen zu werden? (Ja)“, „Männer in weiblich dominierten Berufen machen mehr Hausarbeit“. „Warum Frauen immer noch nicht alles haben können.“ Oder: „Müssen wir wirklich stolz auf unsere Periode sein?“ Ja, schreibt Tracy Moore bei „Jezebel“, unbedingt sogar, mehr noch, wir sollten endlich frei und unbekümmert über unsere Periode sprechen.

          Die gewichtigeren Überlegungen beschäftigen sich mit Lebensentwürfen. Kinder, ja oder nein? Kinder und Beruf? Beruf und Kinder? Hier kommt Sheryl Sandberg, CEO bei Facebook und von Geburt an auf der Gewinnerseite, ins Spiel mit ihrem vieldiskutierten Selbstbehauptungshilfe-Buch „Lean In. Frauen und der Wille zum Erfolg“. Sandberg rät aus einer sehr privilegierten Position heraus allen Frauen, aufzubegehren, auf ihre Rechte zu pochen, ihre Passivität endlich zu beenden. Und so weiter. Allerdings vergisst sie in ihrem kämpferischen Manifest das Lob der Skrupellosigkeit. Vor kurzem schrieb Sheryl Sandbergs „Lean-In-Stiftung“ ein Praktikum aus. Unbezahlt. Ungefähr zur selben Zeit hatte Sandberg ein paar Facebook-Aktien für 91 Millionen Dollar verkauft.

          Den Lebensentwurf ins bestmögliche Licht rücken

          Das „Time“-Magazin bildete unlängst auf seinem Cover ein gutaussehendes Paar ab. Die Frau und der Mann liegen lächelnd und einander zugewandt im Sand und wirken unerhört entspannt. Die Überschrift lautete: „The childfree life. When having it all means not having children“. Gründe, auf Kinder zu verzichten, gibt es viele. Keine biologische Uhr, die tickt. Keinen Partner oder den falschen. Keine Lust, weil Kinder zu laut, zu anstrengend und zu teuer sind und womöglich das Liebesleben zerstören, weil sie ins Ehebett kriechen. Laura Scott erzählt, dass sie bereits mit vierzehn wusste, niemals eigene Kinder zu wollen. Ihre Mutter verkörperte die größte denkbare Abschreckung. Eine Frau, deren Leben ausschließlich aus familiären und beruflichen Verpflichtungen bestand, so dass sie am Ende nicht einmal ein Minimum an Zeit für sich selbst hatte.

          Heute ist Laura Scott fünfzig Jahre alt und außerordentlich glücklich. Kinderlos glücklich. Man kann ihr diese Aussage nun glauben oder nicht, fest steht: Wäre Laura Scott unglücklich, würde sie ihr Unglück sicherlich nicht in all seinen Facetten vor uns ausbreiten. Denn das hieße, sich selbst einzugestehen, die falsche Wahl getroffen zu haben, das falsche Leben zu führen, gescheitert zu sein. Niemand tut das freiwillig, zumal es in unserer Dauerwettbewerbsgesellschaft, in der alles permanent auf dem Prüfstand steht, eine weitverbreitete Obsession ist, seinen Lebensentwurf ins bestmögliche Licht zu rücken.

          Das tut auch Michèle Roten, 1979 geboren, in ihrem neuen Buch „Wie Mutter sein“, das Anfang September im Echtzeit Verlag erscheint. (Ihr letztes Buch hieß übrigens „Wie Frau sein“ und ist erstaunlich gut gewesen.) „Es ist ein Buch für Frauen“, schreibt die Autorin, „die sich überlegen, Mutter zu werden, und die Wahrheit wissen wollen. Und für Mütter, die es schwarz auf weiß brauchen, dass sie nicht alleine sind mit dem Gefühl, es könnte auch spaßiger sein. Und für Väter, die sich dafür interessieren, warum ihre Frau keine Lust mehr hat auf Sex. Und für alle, die ahnen, dass es gesellschaftlich noch einiges zu tun gibt.“

          Kurz gesagt: Es ist ein Buch für alle. Jedenfalls für alle, die irgendwie cool und offen sind. Eben genauso, wie Michèle Roten selbst, die ganz ungezwungen auch mal das Wort „vögeln“ benutzt, im Plauderton über die Verarbeitung von Plazenten in Globuli-Kügelchen erzählt, von Dammrissen, unkontrollierten Fürzen, mitgenommenen Vaginas und ausgelutschten Brüsten. Dass es sich dabei weder um ihre eigene Vagina noch um ihre eigenen Brüste handelt, ist klar. Die Autorin beschreibt die Schicksale anderer Frauen, die weniger Glück hatten als sie selbst - ihre Brüste sind wieder in Topform.

          Illusionen von Inseln des Glücks

          Der verunsicherten Frau gibt Michèle Roten unter anderem folgende Tipps mit auf den Weg: „Frauen: Jetzt mal im Ernst, hört endlich auf mit dem Diätenquatsch! Euer Körper funktioniert, es ist in Ordnung! Den Männern ist es absolut egal, ob ihr drei Kilos mehr draufhabt oder nicht.“ (Tatsächlich?) Oder: „Frauen: Wenn ihr wirklich Ruhe braucht, ist es auch mal okay, das Kind fernsehen zu lassen.“ Noch ein Beispiel: „Frauen: gekaufter Babybrei ist in Ordnung! Euer Kind wird nicht glücklicher, klüger, hübscher, braver oder gesünder mit selbst gemachtem Babybrei!“

          Wer anderen die Welt erklärt, tut gut daran, seine eigene nicht ausschließlich als Insel des Glücks zu beschreiben. Es klingt schlicht unglaubwürdig. Außerdem produziert es Neid. Michèle Roten erzählt uns deshalb, dass auch ihre Brüste beim Stillen weh getan haben. Dass sie wunde Nippel hatte. Dass sie vor Schmerzen auf ein Stück Holz beißen musste. Andererseits mache das Stillen auch ein bisschen high, man nehme sehr schnell ab und einige hätten dabei Orgasmen. „Es ist schon schön, so mit dem Baby zu schmusen.“

          Die zu Papier gebrachte Selbstvergewisserung

          Das Problem solcher Bücher ist, dass sie mit großer Geste vorgeben, von gesellschaftlicher Relevanz zu sein, sich aber wie mit ein paar Studien unterfütterte Endlosmonologe lesen, die in einer therapeutischen Praxis besser aufgehoben wären. Oder in einem Brief an die beste Freundin. Es ist die zu Papier gebrachte Selbstvergewisserung, dass man ganz bestimmt den richtigen Lebensweg eingeschlagen hat. Besonders wichtig ist dabei offenbar das Ausbuchstabieren intimer Angelegenheiten, wodurch schonungslose Ehrlichkeit suggeriert werden soll. Hier geht jemand mit sich ins Gericht.

          In Wahrheit entspringt die gänzlich schambefreite Mitteilungswut nicht dem Wunsch nach Aufklärung. Vielmehr soll wohl der letzte Rest an eigenen Zweifeln endgültig zunichtegemacht werden. Von größerem Interesse sind allerdings weder jene intimen Selbstgespräche noch die exzessive Beschäftigung mit der Menstruation.

          Es dürfte ja jedem klar sein, dass die Lebenshilfe-Literatur sowieso nur mehr Verwirrung stiftet, als für Klarheit zu sorgen. Auch hier ließen sich jetzt etliche Studien zitieren. Am besten aber, man hält sich zur Abwechslung mal wieder an irgendein Modemagazin. Viele Bilder, wenig Text.

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