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Linksliberales Wahldilemma : Orientierungslosigkeit höherer Ordnung

  • -Aktualisiert am

Rentabilitätsdruck geht mitunter vor Patientenwohl: Chirurg mit künstlichem Hüftgelenk Bild: Picture-Alliance

Welche Partei wählen im Herbst? Die wichtigsten politischen Strömungen meines Lebens sind erschöpft. Aber ohne sie geht es nicht weiter. Ein Gastbeitrag.

          8 Min.

          Jetzt ist es passiert, das eigentlich Undenkbare ist auch mir passiert: Ich weiß nicht mehr, was ich wählen soll. Dabei treffe ich überall bekennende Gleichgesinnte, denn ich bin ein Linksliberaler. Ganz und gar nicht unzufrieden mit dem Vorgefundenen träume ich vom etwas besseren, etwas lässigeren Leben, und zwar für alle. Das tue ich eher um meines eigenen Friedens willen denn aus Altruismus oder Mitgefühl. Ich bin kein Freund der Gleichmacherei und habe kein Bedürfnis, anderen zu ihrem Glück zu verhelfen, jedenfalls nicht mit jenem Nachdruck, den die ganz Linken so gern aufbringen. Im Paternalismus sehe ich eher eine Technik der Selbsterhebung des vermeintlichen Gönners, die zu nichts führt. Überhaupt sind mir Autoritäten, ob nun menschlich oder übermenschlich, lästig. Dem Menschen vertraue ich aber schon, seinem Verbesserungstrieb, wenn er auch erratisch ist, im Detail eher unzuverlässig. Er bedarf der Pflege. Ich glaube an den Fortschritt eher als an Schicksal, und daran, dass es Wahrheiten gibt und daher auch Dinge, die man falsch nennen darf. Man soll sich mühen, mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Und ich glaube, dass Politik nicht zuerst von Interessen, sondern von Prinzipien geleitet sein sollte.

          Meine Biographie als Wähler ist nicht sehr spektakulär. Als ich Anfang der achtziger Jahre Abiturient war, plakatierte die FDP gegen die Todesstrafe in den Vereinigten Staaten. Das schien mir so folgerichtig wie zentral. Es war beunruhigend, dass unser großer, starker Freund, der uns einst aus dem Unglück befreite, zivilisatorisch im frühen 19. Jahrhundert stehengeblieben war. Die Gelben, dachte ich, machen Druck nach vorne, sie wollen die menschlichere Zukunft, sie trauen sich was zu, und so seien sie meine Partei. Ich will nicht verneinen, dass dabei doch ein gewisser Elitarismus eine Rolle spielte, mit dem das Kind eines sich emanzipierenden Kleinbürgertums vom Arbeiter und Boulevard mit seinen einfachen Ressentiments abgehoben sein wollte. Zumindest schmeichelte da auch was.

          Die Luftballons der Grünen sprechen Bände

          Sozialliberalismus schien aber schon die natürliche Koalition der Einsichtigeren mit den Benachteiligten. Jäh war der Absturz, als diese Koalition zugunsten von individuellem Vorteilsdenken und Konkurrenz zerbrach, man sich formal wieder auf eine damals schon nichtssagende, altmaskuline Heilslehre der angeblichen Empathie zurückzog und ja doch bloß das Land wie eine Firma betreiben wollte. Von dieser intellektuellen Regression haben wir uns nicht erholt.

          Für die Liberalen endete sie an den Schuhsohlen von Guido Westerwelle, einer beispiellosen Verhöhnung des Wählers, der plötzlich für die Partei da zu sein hatte. Heute kommen mir die Plakate aus der Schulzeit wie ein Traum vor, manchmal bin ich tatsächlich unsicher, ob mir die Erinnerung nicht einen Streich spielt. Kurz vor dem Ende der linksliberalen Koalition war in meiner Heimatstadt Bielefeld die von Helmut Schmidt verlachte Grün-Alternative-Liste mit Antje Vollmer an eine erste Regierungsbeteiligung gekommen. Mit älteren Freunden war ich damals auf der Wahlparty, ich war fünfzehn. Die dann bundesweit agierenden Grünen sahen bald aus wie der natürliche Erbe der FDP, die ich bis heute nie gewählt habe. Die rebellische Haltung und Verteidigung des Einzelnen, von der die Proteste gegen die Todesstrafe erzählten und die ich in der oppositionellen, basisdemokratischen Haltung der Grünen wiederzufinden glaubte, löste sich aber im Laufe meines Wählerlebens immer weiter auf. Die Luftballons der Grünen sprechen Bände.

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