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Linksliberales Wahldilemma : Orientierungslosigkeit höherer Ordnung

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So werden wir den notwendigen Umbau nicht bewerkstelligen können

Der Grund ist eine Gestaltungsmüdigkeit, der untaugliche Versuch, irgendwie durchzukommen, indem man nicht mitdenkt, indem man nicht fragt, wie die Dinge noch besser zu machen sind. Wenn Verantwortung delegiert und noch mal delegiert ist. Ich wünsche mir deshalb Politiker, die schmerzhafte Debatten riskieren, Ehrlichkeit wird gewiss honoriert. Und ich sehe keine andere funktionierende Koalition als jene zweier Partner, von denen der eine mich vor der Industrie und der andere vor dem Staat schützt, wenn beide sich als Zukunftsparteien verstehen. Sie müssen deutlich sagen, wie sich unsere Produktionsbedingungen ändern.

Zentral ist dabei jetzt das Verhältnis von Familie und Arbeit, es befindet sich mitten in ihrer vollständigen Neuerfindung. Hundertfünfzig Jahre nach der Urbarmachung der Elektrizität und dem Rückgang der Geburtenrate von über dreizehn auf nunmehr anderthalb, durch Bildung und Frauenrechte, den Übergang von der Schwerindustrie zur dezentralen Dienstleistungsgesellschaft ordnet sich das Leben von Frau und Mann vollkommen neu. Unser Gespräch darüber ist jedoch jämmerlich. Es ist steckengeblieben in einem dekadenalten Mantra von tätschelnder Frauenquote und dem gender pay gap. Wir schaffen es bis heute nicht, Quoten in den Erziehungsberufen zu diskutieren oder einen gender jail gap, einen gender suicide gap, geschweige denn die Mutter aller gender gaps, den gender life expectancy gap. Auch hier nimmt niemand mehr sein Gegenüber als Mensch wahr, sondern nur als Teil einer bestimmten Gruppe. Wie tief wir in der gegenseitigen Verachtung bereits gefallen sind, wurde offenbar, als Malerstar Daniel Richter kürzlich bei einer Leseveranstaltung in Berlin das Manifest zur Vernichtung der Männer vorlas, das oberdumme, volksverhetzende Pamphlet, mit dem Valery Solanas ihren Mordversuch an Andy Warhol begründete. Richters Bemerkung dazu: Das sei ein sehr wichtiger Text für ihn, er lese ihn einmal im Jahr. Niemand protestierte. Genau wie niemand protestierte, als Hillary Clinton nach ihrer Niederlage sagte, die Zukunft sei weiblich. Hat eigentlich noch nie jemand gesagt, die Zukunft sei weiß, sowjetisch oder arisch?

Mit Volksverhetzung werden wir den notwendigen Umbau von Familie und Arbeitsteilung nicht bewerkstelligen können, mit Denkfaulheit und Ängstlichkeit nicht und auch nicht mit dem Singen von Weihnachtsliedern. Nicht mit dem Bibbern vor Umfragen und der nächsten Strategie, eine Wählergruppe zu erreichen. Schon eher, in dem wir erkennen, das die beiden großen Freiheitsbewegungen der Moderne, Feminismus und Arbeiterbewegung, die Geschlechter tauschen müssen: Männer kämpfen jetzt ums Familiäre, Frauen um Bezahlung. Weil es nur vorwärts gehen kann. Links sein, das heißt für mich liberal sein, und umgekehrt: intelligent und großherzig genug, den anderen sein zu lassen. Ach, arbeiteten die beiden Hände doch zusammen!

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