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Linksliberales Wahldilemma : Orientierungslosigkeit höherer Ordnung

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Wie tief uns der innere Zusammenhang verloren gegangen ist, der Respekt voreinander, wurde mir bewusst, als ich vor einigen Wochen in einem Schnellzug mit einem Arzt ins Gespräch kam. Er ist Orthopäde, saß einst bei einem international spielenden Fußballverein auf der Bank und schwärmte von einem Sieg, den seine Mannschaft in München errang. Wir hatten uns da gerade erst ein paar Minuten unterhalten. Weil er wegen seiner Familiengründung nicht mehr so viel unterwegs sein wollte, arbeitet er heute in einer Klinik, die sich auf künstliche Hüftgelenke spezialisiert hat. Kaum im Gespräch, gestand er mir mit gepresster Stimme, das Problem sei, dass sie doppelt so viele Hüften operierten wie medizinisch angezeigt sei.

Eine solche Gesellschaft kann nicht stabil sein

Fünfzig Prozent – das ist eine Zahl, die ich bei Operationen schon öfter gehört habe. Aber die Not, in die wir uns begeben haben, wurde mir anhand des Konfliktes dieses Mannes erst wirklich bewusst. Seine Stimme geht mir nicht mehr aus dem Ohr, wie er erklärt, dass die Rentabilität der Klinik sonst nicht gewährleistet sei, dass mancher Patient dann nach dem Eingriff zwar Ruhe habe, aber eben überhaupt nicht jeder, dass es manchem besser ginge mit weniger invasiven Methoden, die auch über zehn oder fünfzehn oder zwanzig Jahre erfolgreich sein könnten, in denen ein künstliches Gelenk seine eigenen Probleme verursacht, wenn es denn so lange halte.

Ich habe nicht viel gesagt, sondern nur genickt und die Lippen zusammengepresst. Ich war froh, nicht der Patient dieses Mannes zu sein, aber auch, dass er sich mir anvertraut hat. Er hat mir gebeichtet, was wir falsch machen. Nun stelle ich ihn mir oft bei der Arbeit vor: Wie er die Handschuhe überstreift, Spritzen aufzieht, das Skalpell hinlegt, es ins Fleisch treibt, Blut abführt, die Wunde aufspannt und dann den Knochen absägt, der in jedem zweiten Fall noch gut und gerne selbst zum Brunnen gehen könnte. Später ist er am Bett des Patienten und redet mit ihm. Ich würde diesen Arzt gern ermuntern, aufzustehen und zu protestieren, denn eine Gesellschaft die so verlogen ist, kann nicht stabil sein.

Ein paar Minuten Menschlichkeit

Wir kennen zwar alle die Tricks der Autowerkstatt, der Versicherungsagenten und meinetwegen der Zahnärzte, man kann sogar behaupten, dass dieses Problem nicht neu ist, dass es immer schon so gewesen sei. Aber selbst wenn man keine Eskalation erkennen mag, muss man feststellen, dass eine Gesellschaft, die ethisch, moralisch, zivilisatorisch nicht auf der Höhe ihrer technischen Möglichkeiten ist, ein Gefühl von Indifferenz erzeugt, an dem sie ersticken muss. Mein Mann im Zug hat mir gezeigt, dass wir einen Zustand von Orientierungslosigkeit höherer Ordnung erreicht haben, den niemand mehr für sich allein auflösen kann. Niemand vertraut keinem mehr, weil niemand mehr keinem vertrauen kann. Ausnahme ist eine Zufallsbegegnung bei 280 Stundenkilometern, bei der man für ein paar Minuten seine Menschlichkeit zeigt, weil man sich eh nie wieder sieht. Diese Gesellschaft ist unfrei, weil Freiheit auch bedeuten muss, vom anderen in meinem Menschsein gesehen, akzeptiert und, ja, gefördert zu werden. Jederzeit.

Der Fehler ist gewiss nicht simple Profitgier, denn der Arzt hat ja nicht direkt etwas davon, und im Sozialismus sind gerade diese Verhältnisse nicht besser. Geld macht außerdem schon Spaß und auch zu einem erheblichen Teil frei.

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