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Rätsel Matthias Buchinger : Der kleinste größte Deutsche aller Zeiten

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Das Spielen von diversen Instrumenten, Zeichnen, Kegeln: für all das braucht man Arme und Hände. Matthias Buchinger bewies das Gegenteil. Bild: Abb. a. d. bespr. Band

Die Frauen liebten ihn: Der amerikanische Zauberkünstler Ricky Jay würdigt das Werk des skurrilen Multitalents Matthias Buchinger - einem Franken, der nur so hoch wie ein Tisch war und weder Hände noch Füße hatte.

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          Der Mann war mit Begabungen reichlich gesegnet. Er spielte Oboe, Flöte, Dudelsack, Pauke, Hackbrett und Trompete. Er konnte die Hornpipe tanzen. Er war ein Kegelbruder und Kartenspieler von höchsten Graden, ein meisterhafter Pistolenschütze, ein bewunderter Zauberkünstler und ein hochbegabter Zeichner oder besser gesagt: ein Mikrokalligraph der Meisterklasse. Mit haarfeinen Strichen fertigte er Heiligenbildchen, Familienwappen, Stammbäume vornehmer Geschlechter oder aber Porträts, bei denen die Gesichter und Frisuren der dargestellten Personen von mikroskopisch kleinen Schriftzeichen durchzogen waren, die Psalmen oder Gebete wie das Vaterunser wiedergaben.

          Viermal war Matthias Buchinger verheiratet. Elf legitime Abkömmlinge schenkten ihm seine Ehefrauen. Von bis zu siebzig weiteren Kindern mit diversen Geliebten ist die Rede. Gewiss ist das übertrieben. Aber Buchingers tatsächliches oder vermeintliches Sexualleben war legendär. Das „Classical Dictionary of the Vulgar Tongue“ von 1788 enthält ein Lemma „Buckingers Boot“. Gemeint war „a woman’s commodity“, sprich: das „Kleinod der Frau“.

          Aus Rücksicht auf die schwangeren Frauen

          Der Erwähnung wäre all dies kaum wert, wäre Buchinger nicht das gewesen, was man damals landläufig einen Krüppel nannte. Er wurde ohne Hände und Füße geboren und maß nur vierundsiebzig Zentimeter. „Wenig mehr als der Rumpf eines Mannes, denn er hatte lediglich zwei kleine Auswüchse an den Schultern, die eher den Flossen eines Fisches glichen als den Armen eines Menschen“, heißt es bei einem frühen Biographen.

          Buchinger wurde 1674 im mittelfränkischen Ansbach unweit von Nürnberg geboren. Er war das jüngste von neun Kindern. Seine Jugend liegt weitgehend im Dunkeln. Es heißt, seine Eltern hätten ihn anfangs regelrecht versteckt. Fest steht, dass er nicht als „Laune der Natur“ herumgereicht und ausgestellt wurde. Stattdessen soll er eine vernünftige Bildung erfahren haben. Als er freilich 1708 in Nürnberg beim Rat der Stadt um die Erlaubnis bat, auf der Neujahrsmesse eine „Budik“ aufstellen und seine Künste dort vorführen zu dürfen, wurde er negativ beschieden.

          „Der schwangeren Frauen halben“ könne er nur in einem Gasthof und nicht unter freiem Himmel wirken. Man lebte eben in der Zeit der Theorie vom „mütterlichen Eindruck“. Nach ihr hätte sich der Anblick Buchingers auf die Föten werdender Mütter auswirken und zu Missbildungen führen können. Ein paar Jahre später fand diese „medizinische“ Lehre ihren Höhepunkt im Falle der Engländerin Mary Toft, die angeblich Kaninchen zur Welt gebracht hatte, weil sie solche Tiere zu Beginn ihrer Schwangerschaft gejagt und verspeist hatte.

          The Greatest

          Um 1717 verließ Buchinger Deutschland. Zunächst zog es ihn nach Paris. Dort gelang ihm ein Auftritt vor dem siebenjährigen Ludwig XV. Für das vorzügliche Honorar von hundertzwanzig Livre zeigte er das Becherspiel und kalligraphische Künste. Von Paris ging es nach London, wo er am Hof von König Georg I. um eine Audienz bat. Sie wurde ihm nicht gewährt, aber Buchinger lernte Robert Harley, den Ersten Earl of Oxford kennen, der zum Förderer des „kleinen Mannes aus Nürnberg“ wurde. Der freilich vermarktete sich selbst fortan als „The Greatest German Living“ und brachte es bis zu seinem Tod im Jahre 1739 ob seiner vielen Fertigkeiten zu erstaunlicher Popularität.

          Noch bis zum 11. April dieses Jahres zeigt das Metropolitan Museum of Art in New York unter dem Titel „World Play: Matthias Buchinger’s Inventive Drawings“ sechzehn Zeichnungen des alerten Franken aus der Sammlung des amerikanischen Zauberkünstlers, Schauspielers und Autors Ricky Jay. Der gilt weltweit als der führende Buchinger-Experte. Seit 1982 trägt er Artefakte von und über seinen Helden zusammen. Schon früher ist er mit kleineren Essays über Buchinger in Erscheinung getreten. Jetzt hat er ihm eine üppig gestaltete Monographie gewidmet, die aus Anlass der Ausstellung im „Met“ herausgekommen ist.

          Jay ist kein typischer Historiker. Er ist ein klassischer Geschichtenerzähler. Mit Schlüssen, Spekulationen und Bewertungen hält er sich zurück. Wie Buchinger musiziert, gezaubert, getanzt oder kalligraphiert hat, kann bis heute niemand zuverlässig erklären. Auch Ricky Jay weiß es nicht. Hat er Instrumente als Zeichenhilfen eingesetzt? Hat er sich eines Assistenten bedient? Hat er bei seinen Tricks Hilfsmittel eingesetzt, die seiner Zeit womöglich weit voraus waren? Da bleibt viel Raum für weitere Recherchen. Jays sorgsam zusammengetragene Fakten, die er aus der Perspektive eines Sammlers schildert, sind jedoch so unterhaltsam präsentiert, dass das Buch den Leser regelrecht aufsaugt.

          Die versteckten Buchinger-Stücke

          Da ist die Geschichte vom Erwerb seines ersten Buchinger-Blattes aus den Beständen eines arroganten, alten amerikanischen Magiers. Da liest man von verstaubten Antiquariaten und ahnungslosen Antiquaren. Man besucht im Geiste Auktionen und zittert um den Zuschlag. Man erfährt vom Erwerb etlicher Buchinger-Kostbarkeiten aus der Sammlung eines skurrilen Arztes aus dem Saarland oder den gemischten Gefühlen bei Neuentdeckungen. Lange war Jay davon überzeugt, mit einer Zeichnung aus dem Jahre 1705 das älteste Buchinger-Ephemeron der Welt zu besitzen. Kurz vor Abschluss seines Buches tauchte in der Königlichen Bibliothek der Niederlande allerdings ein Stück auf, das aus dem Sommer 1704 datiert. Es ist ein Kalenderblatt, das Buchinger gestaltet hat.

          Aber es kommt noch besser. In Hamburg wird eine bisher unbekannte Buchinger-Trouvaille verwahrt, die aus dem Jahre 1701 datiert. Es handelt sich um ein kleines Bild des gekreuzigten Christus. Buchinger hat es in Bremen gezeichnet. Ohne Hände und Füße, wie er vermerkt hat. Wie aber dann?

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