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Proteste in Kiew : Die Angst, der Stolz, der Zorn

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Kein einsamer Rufer: Demonstrant auf dem Maidan Platz in Kiew Bild: AFP

Die Menschen kämpfen und arbeiten hart, damit die Proteste weitergehen. Auf dem Maidan wird Tischtennis gespielt, eine Bibliothek wurde gegründet, Menschen heiraten, das Chaos organisiert sich: Meine Reise nach Kiew, in die Heimatstadt.

          8 Min.

          Ganz einfach – sagte Olga, als ich sie nach dem Weg fragte –, um die Barrikade herum und dann links. Der andere Zugang zur Luteranskaja Straße war seit Monaten gesperrt. Im Regierungsviertel stehen Lastwagen und Einheiten. Ich wollte zu meiner alten Lehrerin in die Schule gehen. Das Wort Barrikade fiel Olga so leicht, als wäre es ein gewöhnliches Detail städtischer Architektur, wie eine Kreuzung oder ein Bogen. Ich bin nur für eine Woche in meine Heimatstadt gekommen, die Schlacht auf der Gruschewskowo Straße war vorbei, es herrschte Stillstand, aber die Spannung blieb, und die Asche lag über der Straße, wie auch die Empörung, die keine Superlative mehr kannte. Meine Freunde haben sich verändert. Erwachsener, entschlossener, agierender. Sie sammelten Medikamente, schrieben, standen vor Gerichten, brachten Essen zum Maidan, drehten Filme, sie waren und sind dabei. Auch meine Lehrerin war anders geworden und erzählte, wie sie unter Eltern und Freunden Geld gesammelt hatte – ausgerechnet sie und Geld!, dachte ich – für einen Studenten, dem eine Granate einen Arm abgerissen hat. Kannten Sie ihn?, fragte ich. Nein, ich kenne den Chirurgen. Ich fühlte mich wie ein Kind, wie ein Tourist, ein Fremder angesichts ihrer einfachen Logik.

          Ein Ofen auf dem Maidan von der Zeichnerin Darja Kusmytsch
          Ein Ofen auf dem Maidan von der Zeichnerin Darja Kusmytsch : Bild: Darja Kusmytsch

          Als wir aus der U-Bahn-Station Kreschtschatik herauskamen, um zur sonntäglichen Kundgebung auf dem Maidan zu gelangen, sah ich eine Kette aus Zelten und kleinen Holzfestungen, Paläste aus Müll und Eis, dampfende Fässer, umkreist von Männern in Camouflage-Uniform, Holzstapel, Säcke, Haufen von warmer Kleidung und eine echte Schönheit, die vier Meter hohe Barrikade über die Proresnaja Straße. Die Menschen gingen wie gewöhnlich, mittlerweile ist fast alles gewöhnlich geworden. Auch die Partisanenlandschaft in der Hauptstraße der Stadt gehört nun zum Alltag.

          Den Maidan aufrechtzuerhalten ist nicht eine Frage der Euphorie, des Verdrusses oder einer Überlegung, sondern es bedeutet tägliche schwere Arbeit. Um die Verschwundenen zu finden, um die Schuldigen zu bestrafen, um weitere Verhandlungen zu erzwingen, braucht es diese Arbeit. All das ist nur dann möglich, wenn sie hier weiter durchhalten. Sie kamen von überallher, um die Stadt und ihre Ukraine gegen die Regierung und ihr diktatorisches Verhalten gegenüber dem eigenen Volk zu verteidigen. Aber jetzt scheint die Sonne. Zwei Männer in Sturmhauben spielen Tischtennis zwischen den Zelten. Daneben einige Männer mit Skibrillen, Helmen und Knüppeln, in Ski-Anzügen, andere in Militäruniformen einer unbekannten Armee. Am Zaun hängt ein Brett, auf dem verschiedene Arten von Patronenhülsen der Spezialeinheiten aufgeklebt sind, die gegen die Protestierenden eingesetzt worden waren, daneben verkauft man Holzgabeln, Blumenkränze und gestrickte Pantoffeln, das Geld wird in Plastikkisten von Ikea gesammelt, „Hilfe für den Maidan“. Etwas weiter steht die hölzerne Festung mit den Kosaken in ihren Trachten wie aus Folklorebüchern; ihr Ehrenkodex und ihre Freiheitsideale sind jedoch echt.

          Hier wird Geschichte gemacht

          Die große Maskerade des Maidans ist aus Überzeugung und aus Not entstanden. Der Zusammenstoß der ukrainischen Mythen, diese operettenhaft wirkenden Bilder, vergrößern das Gefühl, dass hier Geschichte gemacht wird. Die historische Symbolik quillt aus allen Ecken, sogar die Gruschewskowo Straße, wo im Januar geschossen wurde, hieß früher Straße des Januar-Aufstands, zu Ehren des Aufstands von 1918, als die Arbeiter der Arsenal-Fabrik auf das Parlament zumarschierten.

          Wie sich das Ewig-sich-Wiederholende mit dem Täglichen in den Wirren der Zeit mischt, darüber hat schon Michail Bulgakow in seinem Kiewer Roman „Die Weiße Garde“ geschrieben. Die ersten Zeilen verfolgten mich die ganze Zeit, als ich in Kiew war: „Groß war es und fürchterlich, das eintausendneunhundertundachtzehnte Jahr nach Christi Geburt, das zweite aber nach Beginn der Revolution. Reich war es im Sommer an Sonnenschein und im Winter an Schnee, und besonders hoch standen am Himmel zwei Sterne: der abendliche Hirtenstern Venus und der rote, flimmernde Mars“.

          Die Schriftstellerin Katja Petrowskaja wurde 1970 in Kiew geboren.
          Die Schriftstellerin Katja Petrowskaja wurde 1970 in Kiew geboren. : Bild: Privat

          Ich ging jeden Tag auf den Maidan und erlebte in wenigen Tagen das, was hier die Menschen in den letzten Monaten erlebt hatten: die Euphorie, die Begeisterung, die Angst, den Stolz, den Zorn, alles, außer der Gewalt, irgendwann kamen Enttäuschung und Müdigkeit, und später fing es wieder von vorne an, in einer zweiten Runde. Es waren nur ein paar Zehntausende auf den Maidan gekommen. Minus zwölf Grad. Gerade hatte jemand gesungen, nun sprach Jurij Luzenko auf der Bühne, ein ehemaliger Innenminister, der mit Julia Timoschenko im Gefängnis saß. „Selbstschutz“, sagte er, „Selbstschutz.“

          Neben dem Rathaus spielte auf dem bereits legendären Klavier eine Studentin des Konservatoriums, eine Schwarze namens Antoinette. An ihr vorbei gingen die Männer aus der rechten Freiheits-Partei, mit ihrem klaren „Ukraine über alles“, und grüßten sie. Sie waren unsere und auch ihre Beschützer, Antoinette war ihre Heldin, wenn auch keine Königin, ich wusste nicht, wie das alles zusammenpasst, aber die Bilder waren überzeugend in ihrer Verrücktheit, besonders als noch der Klavierstimmer kam.

          Denn es stimmte, dass wir alle gegen diejenigen sind, denen Geld und Macht über alles geht, auch über das Leben ihrer Bürger. Trotzdem kenne ich persönlich niemanden, der die Slogans der Freiheits-Partei unterstützt. Und dabei kenne ich persönlich niemanden, der gegen den Maidan ist.

          „Janik, hau ab aus meinem Land!“ Gemeint ist der Präsident Janukowitsch.
          „Janik, hau ab aus meinem Land!“ Gemeint ist der Präsident Janukowitsch. : Bild: Collage von Darja Kusmytsch

          Am ersten Tag habe ich hier fast alle meine Bekannten getroffen. Ein junger IT-Freund, eine Musikmanagerin, eine Lehrerin, einen Französischübersetzer, einen Klempner, einen Regisseur und dann sie. Ich hätte sie gar nicht bemerkt, wenn sie mir nicht kurz und fest meinen Unterarm gedrückt hätte, als Begrüßung und Abschied zugleich, denn sprechen konnte sie vermutlich nicht mehr, sie drückte meinen Unterarm und rannte weiter, fest in einen Schal gehüllt. Zehn Jahre lang hatte ich sie nicht gesehen.

          Krisenmanagement für Zehntausende

          Wir sind zur selben Schule gegangen, dort oben auf dem Hügel, um die Barrikade herum und dann links, sie ist eine berühmte Ärztin geworden, hat ein eigenes Klinikum aufgebaut, vier Kinder zur Welt gebracht, Liedermacherin ist sie auch. Hier gilt sie als eine „alternative Gesundheitsministerin“, sie hat ein System aus 1500 ehrenamtlichen Ärzten aufgebaut samt Notaufnahmen und Medikamentensammelpunkten – ein Krisenmanagement für die Zehntausende, die nach Kiew zum Maidan gekommen sind und in der Kälte leben oder in besetzten Häusern. Ihre sachlich-trockenen Berichte über Gesundheit und den Widerstand sind auf Facebook zum Kult geworden: nicht nur Hilfsaufrufe, sondern auch Informationen, wie man sich am besten ernährt und am besten schläft, in dieser Frontsituation. In der Woche der Eskalation wurden die Ärzte selbst zum Ziel von Gewalt und mussten die Verletzten auch noch davor schützen, dass sie nicht der Berkut oder der Miliz in die Hände fielen. Sie lief an mir vorbei, aber ihr fester Griff und ihr Schweigen mit dem kurzen Blick haben mir mehr über den Kiewer Frieden erzählt als alle politischen Analysen.

          Als es dämmerte, ging ich zum Ukrainischen Haus. Europäischer Platz, Anfang der Gruschewskowo Straße. Wieder eine Barrikade, auf der Straße ein Zementklotz mit der Inschrift: „Die Schönheit liegt im Kampf.“ Bei der Dunkelheit gehen wir nicht zu jenen Barrikaden, die vor kurzem brannten. Am Eingang zum Haus eine Kontrolle. Ich bekomme Angst: wieder Männer in Masken. Auch sie haben Angst: vor Provokationen. Die Frauen dürfen rein, die Männer müssen erst Dokumente vorzeigen. Der Kontrast ist unfassbar: Drinnen sind Studenten, die in Prag oder Berlin genauso aussehen, weiter hinten sitzen alte Männer und Frauen, die vielleicht noch nie im Leben in Kiew waren, ein ganz gemischtes Publikum.

          Ein Sammelpunkt für Medikamente, Kleidung, Matratzen, technische Geräte

          Hier tagt nun die „Offene Universität“, die vorher auf dem Maidan eine Bühne hatte, bis es zu kalt wurde. Die Vorlesung über die Frauenbewegung ist gerade zu Ende. Danach beginnt der Poesie-Marathon. Drum herum Sammelpunkte mit Listen: Medikamente, Kleidung, Matratzen, technische Geräte. Eine große gesellschaftliche Umverteilung der Werte. Ein Durcheinander mit strenger Ordnung. Wir hören Revolutionsgedichte, dann springt eine Frau auf die Bühne: „Der LKW ist gekommen! Wir brauchen Männer zum Entladen.“ „Aufrufe erst nach dem Gedicht!“, sagt eine andere. Das ist eine Revolution, denke ich und gehe zur Bibliothek, rechts im Saal liegen Veteranen aus dem Afghanistan-Krieg, auf der Glastür ein Schild „Afghanen sind mit dem Volk“. Der Maidan wird ohne Schlacht nicht geräumt, meinen sie.

          Die Bibliothek ist auch hier. Ein junges Paar hatte begonnen, Bücher für den Maidan zu sammeln, sie starteten mit Aufrufen per Facebook, Twitter und Flugblättern auf dem Zaun, nun haben sie Tausende Bücher und Dutzende Freiwillige, zu viel eigentlich. Sie brauchten noch ukrainische Prosa und Kisten, sagte die Bibliothekarin, denn sie schicken Bücher auch in die Provinz, in die Bibliotheken, in die Schulen. Manche Adressen finden wir hier – sie zeigte auf die auf dem Boden liegenden Männer. Ich ging an eines der vielen Regale: Hemingway, Frisch, Mishima, Vian. Ich wollte ein Buch ausleihen. „Nur auf Ihr Ehrenwort“, sagte sie, „nehmen Sie einen Zettel und unterschreiben Sie.“ Vor mir stand eine Dose voll mit Ehrenworten parat. Und ich bekam das Buch: mit einem Stempel „Bibliothek des Maidans“. Als ich begeistert einen Freund anrief wegen dieser Neuigkeit, sagte er: Ja, ich habe schon alles dahin gebracht, moderne ukrainische Prosa und Kisten.

          Protestierende auf dem Maidan, gezeichnet von Darja Kusmytsch
          Protestierende auf dem Maidan, gezeichnet von Darja Kusmytsch : Bild: Darja Kusmytsch

          Am Abend hat mir eine 16-Jährige, die auf dem Maidan in einer Küche half, ihre Albträume erzählt, aber ich sage meiner Mama nichts davon, sagte sie. In ihrem Albtraum kamen „sie“ zu ihrem College, Studenten wurden in den Wald gebracht und in Gruppen eingeteilt – Kinder von Journalisten, Kinder von Staatsbeamten, Kinder von Arbeitern und so weiter – und zu militärischen Übungen gezwungen. Du verstehst selbst, sagte sie, und ich merkte, dass sie mir nicht alles erzählte, was sie gesehen und erlebt hatte in diesem Traum, wir wurden zurück in die Stadt gebracht, und du weißt, gegen wen wir kämpfen sollten. Aber ich sage meiner Mama nichts davon.

          Am nächsten Tag hörten wir, wie Ruslana, die Gewinnern des Eurovision-Songcontests 2004, auf der Bühne des Maidans von ihrem Treffen mit Angela Merkel erzählte. Ruslana hatte in vielen Nächten stundenlang auf dieser Bühne gestanden, sie moderierte und sang, um den Maidan wachzuhalten. In den kritischsten Momenten hat sie von hier aus an die ukrainische Spezialeinheit Berkut und die Miliz appelliert, auf Gewalt zu verzichten. Nun hat sie dem Volk berichtet, über Europa, das uns doch nicht vergessen hat. Und in ihrem „Merkel sagte mir, und ich sage euch“, war keine Eitelkeit zu hören, im Gegenteil, es war eine ideale Form der Kommunikation – die Botschaft aus Europa ist angekommen, und Ruslana berichtete, wie bei einer Wetsche, dem Organ der Selbstbestimmung in den slawischen Städten des Mittelalters.

          Ich ging auf dem Maidan von Zelt zu Zelt und las die Namen von Städten, in denen ich noch nie gewesen war: Riwne, Tarnopol, Cherson, Sumi. Im Kirchen-Zelt schlief auf einer Pritsche ein Mann, und ein Priester sprach flüsternd zu einem Kämpfer. Als ich mich vor einem Zelt erkundigen wollte, ob ich hineinsehen dürfe, stand dort mein Freund Igor, ein Ingenieur, der mir sagte: „Mit mir darfst du überall rein. Ich habe fast alle Öfen gebaut, für die Zelte.“ Am Anfang hatten die Protestierenden, die auf dem Platz übernachteten, nur Holzfeuer in offenen Fässern, dann wurden einige in die Zelte hineingestellt, was aber giftig, gefährlich und ineffizient war. Igor hat einen Ofen entworfen, aus Fässern und mit Rohren, um den Rauch aus dem Zelt zu führen. 43 solcher Öfen gibt es hier schon. Wir sprachen wenig, viele Menschen schliefen, in einem Zelt wurde Hochzeit gefeiert, und es gab Torte zu essen, und die Jungs aus Wolynien fragten mich auf Englisch, woher ich käme. Ich antwortete, ich bin von hier, auf dieser Straße, dort bin ich geboren, die vor eurem Zelt nach oben verläuft, auf der Institutskaja. Sie kannten den Namen nicht, sie wollten mir glauben, konnten aber nicht.

          Ein goldenes Klo statt Lenin

          Am nächsten Tag rief ein Kommilitone von mir an, wir hatten zusammen in Estland studiert. Er sagte, für Lenin sei ein Ersatz gefunden worden! Komm schnell! Ich dachte, diese Marxisten wieder, aber es ging nur um ein Denkmal. Vor ein paar Wochen wurde die letzte große Lenin-Statue in Kiew von Demonstranten gewaltsam vom Sockel gestoßen und demoliert. Der Sockel war leer, und kaum jemand wusste, dass dort vor Lenin schon ein Zar gestanden hatte. Nun zog eine Prozession über den Kreschtschatik: mit einem goldenen Klo vorweg, dem Symbol von Janukowitschs korrupter Macht. Eine Leiter wurde an den vier Meter hohen Sockel gelehnt und das Klo dort oben abgestellt. Wäre Duchamps neidisch auf uns gewesen?

          An meinem letzten Tag hatte ich einen Termin im fünften Stock des Gewerkschaftshauses, wo der „Rechte Sektor“ residiert, Rechtsradikale, der sehr umstrittene Teil des Maidans. So viel ist in diesem Land zu einem unlösbaren Paradox geworden. Zum Beispiel, wenn Radikale und Fußball-Ultras für die Ordnung, für den Schutz der Bevölkerung und gegen die Gewalt und Willkür der Regierung stehen. Nur zwei Stunden vor meinem Interviewtermin explodierte im dritten Stock ein Paket mit Medikamenten, und einem Mann wurde die Hand abgerissen.

          Ich sagte meinen Termin ab, ich fuhr weg aus Kiew und dachte an meine schweigende Freundin, an die zwei Frauen aus Wolynien mit ihren offenen Gesichtern, die mir Tee und Süßigkeiten auf dem Platz geschenkt hatten, und an alle, die bleiben und die nicht weggehen werden von diesem Maidan.

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