https://www.faz.net/-gr0-892q8

Privatsphäre und Literatur : Ich bin, was ich verberge

  • -Aktualisiert am

Die Herrschaft über die Entscheidung

Genauso errichtet der Schriftsteller aber Rumpelkammern der Schreibarbeit, Bereiche, in die niemals das Licht eines fremden Blicks fallen darf, Bereiche, die nur ihm gehören, in denen er Dreck ablädt oder um sich schlägt oder Tourette-artige Beschimpfungen schreit oder Liebesschwüre flüstert oder obszöne Phantasien ausprobiert - oder einfach nur richtig schlechte Gedichte schreibt.

Vielleicht wird mal ein Zimmer umgewidmet, vielleicht wird die Rumpelkammer eines Tages zum Präsentiersalon. Es gibt Exhibitionisten, es gibt Veränderungen im Leben, es gibt Menschen, die eines Tages glauben, ihr Haus sei insgesamt so bedeutend, dass noch jede Schmutzecke das Licht einer großen Öffentlichkeit verdient. Das Wichtige ist: Der freie Mensch kann es halten wie ein Dachdecker, er hat selbst zu entscheiden, was öffentlich ist und was privat, und wer sich für die allergrößte Transparenz entscheidet, ist nicht weniger würdig, nicht weniger Mensch, nicht weniger im Besitz eines Geheimnisses als der größte Geheimniskrämer: Denn es geht nicht um das Wieviel des Veröffentlichens, sondern um die Herrschaft über die Entscheidung.

Diese Entscheidung ist das Schloss auf dem Tagebuch, und es ist ganz egal, ob sich dahinter eingekellerte Leichen oder nur meteorologische Bagatellen verbergen - es ist nicht die Brisanz des Inhalts, sondern die Existenz des Schlosses, die uns zu würdigen Menschen macht.

Am Anfang war das Wort

Das alles nicht nur wissend, sondern erlebend, empfindend, gelegentlich auch erleidend, stehe ich nun eines Tages vor einem ganzen Volk, vor 83 Millionen Menschen, nein, vor einem ganzen Europa, ach was, gewissermaßen vor einer ganzen Welt, jedenfalls vor einer Epoche, einem Zeitalter, welches mir sagt: Ist doch egal, wenn man uns abhört, anguckt, auswertet - wir haben schließlich nichts zu verbergen.

Wenig später fragt man mich in Interviews, warum ich mich politisch engagiere. Was es denn verdammt noch mal zu verteidigen gebe.

Diese Fragen machen mich fassungslos. Denn es gibt etwas zu verteidigen, und es hat mit Sprache zu tun. Angriff und Verteidigung bedienen sich desselben Mittels, denn nicht nur am Anfang war das Wort, sondern auch in der Mitte und am Ende. Das ist kein besonderes Problem der Publizistik, sondern ein Problem der Verfasstheit unserer Denkapparate. Wir alle sitzen hier, weil wir an diese schlichte Tatsache glauben. Es gäbe keine Publizistik, wenn kein Unterschied zwischen öffentlich und privat existieren würde. Denn was müsste man veröffentlichen, publizieren, wenn alles schon immer öffentlich, also publik wäre?

La lutte continue

Wir alle verdienen den würdigen Titel „Mensch“ durch Aufrechterhaltung der Linie zwischen öffentlichem und privatem Wort. Wir treffen hundert Mal am Tag diese herrschaftliche Entscheidung, sortieren unser Denken, unser Leben, das ganze Sein in diese beiden Kategorien und verhalten uns entsprechend. Angriffe auf die Trennlinie zwischen öffentlich und privat sind ein Angriff auf das Publizieren, auf die Publizistik an sich, sie sind ein Angriff auf die Möglichkeit, Schriftsteller zu sein, sie sind ein Angriff auf die aller-aller-grundsätzlichst konstituierenden Parameter des Menschlichen. Nicht nur „Ich denke, also bin ich“, sondern: „Ich entscheide, wer was davon mitkriegt - also bin ich“.

Wollen wir mal sehen, ob das 21. Jahrhundert das wegargumentiert kriegt. Ob irgendwelche Post-Privacy-Affen oder Digitale Oligarchen oder komplett mumifizierte Politiker oder größenwahnsinnige Geheimdienstchefs oder paranoide Ex-Großmächte es tatsächlich schaffen werden, diese Grenze niederzureißen. Am Anfang war das Wort, und es war geheim. La lutte continue.

Weitere Themen

Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

Eine Rede aus zweiter Hand

Vorträge der Nobelpreisträger : Eine Rede aus zweiter Hand

Peter Handke zitiert in seinem Vortrag vor allem eigene und fremde Werke. Dagegen bemüht sich Olga Tokarczuk um ein neues Ideal für die Literatur, das sich an der ältesten Erzählperspektive der Welt orientiert: der der Bibel.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.