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Privatsphäre und Literatur : Ich bin, was ich verberge

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Im Peinlichen wohnt die Pein: ein ganz spezieller Schmerz. Nicht jener eines aufgeschürften Knies oder eines angestoßenen Kopfs. Die Pein ist kein zufällig erlittener Schmerz, nicht durch Krankheit oder Unfall verursacht. Hinter der Pein steht ein Peiniger. Kurz gesagt: Die Pein ist Ergebnis von Folter. Sie ist Schmerz, welcher der Mensch dem Menschen zufügt, und zwar nicht in einem ebenbürtigen Kampf, sondern im Rahmen eines totalen Macht-Ungleichgewichts. Gepeinigt wird der Mensch von Teufeln in der Hölle, im Lager oder in den Untersuchungsgefängnissen eines durchgedrehten Geheimdienstes. Gepeinigt werden wir, wenn wir machtlos sind, vollkommen entblößt, ohne Würde, mit anderen Worten: nackt.

Die Folter will nicht töten, sie will dem Menschen das Menschliche nehmen. Sie will ihn der Würde entkleiden, ihn „bloßstellen“, also „peinlich machen“. Die Folter ist ein Kampf um das Nichtgesagte. Sie ist ein Versuch der Zwangsveröffentlichung. Sie will dem Menschen etwas entreißen, das dieser verbergen will. Eine Information, eine Erzählung, einen Namen, eine Beichte, ein Bekenntnis. Die Folter ist ein Anrennen gegen die Heimlichkeit. Ein Mensch, der der Folter widersteht, verteidigt ein Geheimnis. Und indem er sein Geheimnis verteidigt, also nicht sagt, was der Folterknecht von ihm hören will, verteidigt er seine Würde und sein Mensch-Sein.

Die guten Stuben des Sprachlichen

Denn das Geheimnis begründet die menschliche Persönlichkeit. Nur das Geheimnis gibt uns ein Recht auf Flüchtigkeit. Das Geheimnis schützt den Prozess, die Veränderung, das Werden. Es schützt unseren nicht-gegenständlichen, nicht-materiellen und doch so unendlich substanzhaften Kern. Das Recht auf ein Geheimnis ist das Recht, nicht angeschaut zu werden, das Recht, stumm zu bleiben, das Recht, sich im Schutz der Dunkelheit immer weiter zu verändern, das Recht, Subjekt und nicht Objekt zu sein, das Recht, pathetisch gesprochen, auf eine Seele. Jedes Antasten dieses Schutzraums ist uns peinlich. Dazu genügt der Versuch der Mutter, ein Tagebuch zu lesen, oder der Blick des Fremden auf den Laptopmonitor. Das von den Eltern bespitzelte Kind und der im Verhör Gefolterte werden beide nicht in ihrer autonomen Menschlichkeit respektiert, sie werden beide (wenn auch in der Tat auf völlig verschiedenen Stufen) „peinlich berührt“.

Das also bedeutet Freiheit: selbst entscheiden zu können, was öffentlich wird und wie und wann.

Ein Schriftsteller macht sich diese Freiheit zum Beruf. Er ist deshalb vielleicht in besonderem Maße berufen, die Grenze zwischen diesen beiden Bereichen zu verteidigen. Indem er schreibt, errichtet er verschiedene Räume: Repräsentationsräume, gute Stuben des Sprachlichen, die immer weiter möbliert und sortiert und poliert werden, damit sie eines Tages Gäste empfangen können, welche dann mit „Ah“ und „Oh“ den Stil und die Eleganz bestaunen sollen, welche sich wohlfühlen sollen in gastlicher Atmosphäre, welche gut unterhalten sein sollen oder neidisch oder beeindruckt oder gar eingeschüchtert, je nachdem, je nach Gastgeber, je nach Stube, je nach Geschmack.

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