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Privatsphäre und Literatur : Ich bin, was ich verberge

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Seltsamerweise unterscheidet sich das Bildermalen in einem ganz wesentlichen Punkt vom Schreiben: Auf Bilder ist man stolz, das Ergebnis des Schreibens ist einem peinlich. Im Grunde weiß das auch jeder. Zumindest jeder, der einmal gezwungen war, im Deutschunterricht einen selbstverfassten Aufsatz vorzulesen. So fühlen sich Autoren auf Lesungen, es sei denn, das Empfinden für die eigene Herrlichkeit hat den Blick auf die Peinlichkeit ihres Tuns bereits verschleiert.

Das Festgenagelt-Sein

Aber was ist so peinlich am Schreiben, besser gesagt, am Geschrieben-Haben? Ist es die Angst davor, nicht perfekt zu sein, etwas darzubieten, das den Ansprüchen nicht standhält? Aber das ist ja kein Spezifikum des Schriftlichen - auch wenn wir reden, bieten wir dem Zuhörer mit jedem Satz die eigene Unvollkommenheit dar. In gewisser Weise ist Reden sogar intimer und verräterischer als Schreiben, denn der Klang der Stimme, unsere Mimik und Körperhaltung machen uns zu offenen Büchern für jeden aufmerksamen Zuhörer, ganz egal, ob wir am Kneipentisch sitzen oder auf einem Podium stehen. Ist uns das Sprechen einfach natürlicher, ist uns das Schreiben gewissermaßen weniger anthropologisch konstant zugehörig als die verbale Äußerung? Worin liegt der besondere Schmerz, die besondere Pein des niedergeschriebenen Worts?

Er liegt im Festgehalten-Werden. Im Festgenagelt-Sein. In der Unmöglichkeit eines Dementis. In der beliebig langen Zeit, die jedem Leser zur Verfügung steht, um das Geschriebene zu analysieren, zu entblättern, zu interpretieren. Es dem Schreiber in jeder Hinsicht vorzuhalten.

Wer schreibt, der bleibt: So sehr wir Menschen uns wünschen, der Flüchtigkeit zu entgehen, so sehr wir verharren wollen im Jetzt, so sehr wir anstrampeln gegen das Vergehen von Zeit, gegen die eigene Vergänglichkeit, gegen diese Rutschbahn Leben mit dem Fluchtpunkt Tod; so sehr manche von uns mit allergrößter Anstrengung versuchen, die abwärts führende Rolltreppe wieder hinauf zu rennen: In Wahrheit verursacht uns der Verlust von Flüchtigkeit allergrößte Qualen. Das Bleiben ist dem Menschen unnatürlich. Es nimmt ihm das Menschliche, welches im ewigen Wabern, im Entstehen und Vergehen, technisch gesprochen: im Prozesshaften liegt. Der Mensch als Festgehaltenes ist: kein Mensch mehr, sondern ein Objekt. Etwas, das der Betrachtung freigegeben wird.

Im Peinlichen wohnt die Pein

Und schon decken wir instinktiv zu, was wir soeben geschrieben haben. Und schon drehen wir uns erbost um, wenn uns jemand über die Schulter guckt, während wir arbeiten. Und schon rutscht uns beinahe die Hand aus, wenn jemand im ICE versucht, auf dem Bildschirm unseres Laptops mitzulesen - mir vor allem, weil ich zugegebenermaßen besonders empfindlich auf jeden Versuch des Gelesenwerdens reagiere. Am besten, man kauft sich einen billigen Laptop, dann kann man auf dem Bildschirm nur etwas erkennen, wenn man direkt davor sitzt.

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