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Privatsphäre und Literatur : Ich bin, was ich verberge

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So sieht es aus, mein erstes Geheimnis. Es war auch der Beginn meiner Laufbahn als Schreibende. Ein paar gepresste Pflanzen und Wetterbericht.

Die Anzahl der Tagebücher wuchs schnell, die Einträge wurden länger, die Sätze auch. Im Jahr 1984, da war ich zehn, findet sich mitten im Geplauder ein lapidarer Nebensatz: „Ich schreibe gerade einen Krimi.“ Dieser Krimi ist verloren. Nicht aber mein erster Roman, der in Tagebuch IV seinen Anfang nahm und zwei ganze Notizbücher füllte, gelegentlich unterbrochen von kurzer Berichterstattung darüber, wer in der Schule gerade in wen verknallt war.

Geheimnistuerei

Ich schrieb und schrieb, die Themen änderten sich, der Stil, die Farbe der Notizbücher. Was immer gleich blieb, war die Heimlichkeit. Nach meinem ersten Tagebuch habe ich nie wieder eins mit Schloss gekauft. Das erschien mir wohl schon damals als wenig überzeugende Sicherung. Stattdessen ging ich in die Werkstatt, holte einen Handbohrer sowie eine Stichsäge, rückte in meinem Zimmer ein Regal ab und zersägte darunter den Dielenboden. Zuerst bohrte ich Löcher, um der Säge einen Ansatzpunkt zu schaffen. Von dort aus sägte ich ungeschickt entlang der Ritzen und zweimal quer durch das Dielenbrett. An den kurzen Enden des Lochs klebte ich von unten Pappstreifen in die Öffnung, die den ausgesägten Deckel trugen - ein etwa vierzig Zentimeter langes Dielenstück, das mit den Daumennägeln herausgehoben werden konnte. Das Loch war auch bei aufgelegtem Deckel ohne weiteres zu erkennen, so dass immer etwas darauf stehen oder liegen musste. Dafür war unter den Dielen jede Menge Platz.

Und den brauchte ich auch, denn ich lernte schnell, dass Schreiben einen Zustand ununterbrochener Selbstverteidigung begründet. Setzen Sie sich einmal zu Hause an den Küchentisch, nehmen Sie ein Blatt Papier und schreiben Sie etwas. Zählen Sie die Sekunden, wie lang es dauert, bis das erste Familienmitglied hinter Ihnen steht und fragt: „Was schreibst du da?“

Wiederholen Sie das Experiment an beliebigem Ort. Schreiben Sie einfach. Nicht mit dem Laptop, sondern mit der Hand auf Papier, auf lose Blätter oder in ein kleines Notizbuch. Erleben Sie, wie Ihre Mitmenschen unruhig werden, ja, Angst bekommen, wie Sie versuchen, herauszufinden, was Sie da notieren. Decken Sie das Geschriebene mit einer Hand gegen fremde Blicke, und Sie werden erleben, wie sich die Neugier der anderen in schieren Hass verwandelt.

Schreiben ist peinlich

Meine Eltern wollten wissen, was ich schrieb. Mein Bruder wollte wissen, was ich schrieb. Meine Freunde wollten wissen, was ich schrieb. Aber ich wollte nicht gelesen werden.

Ist das nicht ein gewaltiges Paradoxon? Ein Mädchen, das sich später zur Schriftstellerin und Publizistin entwickeln wird, sorgt mit allen Mitteln dafür, dass ihre Texte möglichst nicht an die Öffentlichkeit geraten? Hätte ich nicht eher stolz damit herumlaufen sollen wie ein Kind, das ein Bild gemalt hat: Seht her, was ich Tolles gemacht habe?

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