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Preis der Leipziger Buchmesse : Drei Gewinner, fünfzehn Verlierer

Wohin des Wegs? Einsame Treppensteigerin vor dem Logo der Leipziger Buchmesse Bild: dpa

Ganz woanders und so peinlich inszeniert wie nur möglich: Die Preise der in der vergangenen Woche abgesagten Leipziger Buchmesse sind diesmal in Berlin vergeben worden.

          3 Min.

          Die Frage, die man sich vorher gestellt hatte, lautete: Würden die für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Autoren auch im Berliner Studio des Deutschlandfunks Kultur sitzen, so wie sonst in der Glashalle des Leipziger Messegeländes, mitten unter den Lesern und Kritikern? Nein, sie waren nicht da, nicht einmal die Jury hatte sich komplett versammelt (nur drei von sieben waren erschienen). Und die Frage, die man sich danach stellt: Wie konnte diese Peinlichkeit passieren?

          Die Live-Sendung begann so blamabel wie nur möglich: mit einem Technikchaos, das nur durch einen Musiktitel überbrückt werden konnte. So begann eine literarische Sendung mit banalem Geträller (und es sollte noch einiges mehr davon in den 55 Minuten geben). Wer gefürchtet hatte, dass die notgedrungene Verlagerung ins Studio eine Konkurrenz für die gewohnte Zeremonie auf der Messe werden könnte, darf beruhigt sein. Schlechter konnte es gar nicht starten.

          Die Leipziger Buchmesse mit ihren regelmäßig an die 300.000 Besuchern war schon vor mehr als einer Woche abgesagt worden, deshalb musste man die traditionelle Preisverleihung verlegen. Man tat es nicht nur geographisch, sondern auch zeitlich. Statt wie sonst üblich am Nachmittag wählte Deutschlandfunk Kultur einen Termin um neun Uhr morgens für die nach wie vor knapp einstündige Vergabe. Die man aber in fünf Minuten hätte durchführen können, so prosaisch spielte sich das Ganze ab: Kurz wurden die Nominierten vorgelesen, dann öffnete man laut knisternd einen Umschlag mit dem Gewinnernamen, und schließlich verlas ein Jurymitglied die Begründung. Das war lieblos und ohne jede Dramatik.

          Eine besonders lebensnahe Thematik

          Die Auszeichnungen gingen an Pieke Biermann, Bettina Hitzer und Lutz Seiler. Letzterem wird in den nächsten Tagen die meiste Aufmerksamkeit gelten, denn auch wenn die Preisträger der drei Kategorien mit jeweils 15.000 Euro gleichwertig bedacht werrden, gilt die Belletristik als Königsdisziplin. In dieser Kategorie waren 2020 vier Romane nominiert, nämlich neben Seilers „Stern 111“ noch Verena Güntners „Power“, Leif Randts „Allegro Pastell“ und Ingo Schulzes „Die rechtschaffenen Mörder“ sowie ein Gedichtband: „Luna Luna“ von Maren Kames. Und da der Leipziger Buchpreis 2013 Furore gemacht hatte, als er mit Jan Wagners „Regentonnenvariationen“ zum ersten Mal einen Lyrikband auszeichnete, konnte man sich Hoffnungen machen, dass die wunderschönen und formal höchst einfallsreichen Gedichte von Maren Kames eine gute Chance gegen die Romane hätten. Umsonst.

          In der November-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

          Karen Krüger über ein frühes Buch von Elif Shafak, Dietmar Dath über ein neues von Philip Ording und Kai Spanke über Campinos „Hope Street“

          Zum Podcast

          In der Kategorie Sachbuch/Essayistik waren außer Bettina Hitzers „Krebs fühlen – Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts“ noch vertreten: Armin Nassehis „Muster – Theorie der digitalen Gesellschaft“, die von Jan Wenzel herausgegebene Text/Bild-Anthologie „Das Jahr 1990 freilegen“ und zwei Biographien – Michael Martens’ „Im Brand der Welten – Ivo Andric. Ein europäisches Leben“ sowie „Hilma af Klint – Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ von Julia Voss. Hitzers Buch wurde als das Werk ausgezeichnet, das eine besonders lebensnahe Thematik hatte.

          Um ihre großen Momente betrogen

          Bei den Übersetzungen hatte Pieke Biermann für ihre Übersetzung des amerikanischen Romans „Oreo“ von Fran Ross konkurriert mit Luis Ruby für die Arbeit an den Erzählungen der brasilianischen Schriftstellerin Clarice Lispector („Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“), Andreas Tretner für die Übertragung von Angel Igovs bulgarischem Roman „Die Sanftmütigen“, Melanie Walz für ihre neue deutsche Fassung des englischen Klassikers „Middlemarch“ von George Eliot und Simon Werle für seine Baudelaire-Übersetzungen der Prosa-Gedichte und frühen Lyrik („Der Spleen von Paris“). Solche Leistungen sind eigentlich unvergleichbar; die Auszeichnung für Pieke Biermann ist auch – zu Recht – eine Verbeugung vor ihrem übersetzerischen Lebenswerk, das mittlerweile mehr als vierzig Jahre Arbeit spiegelt.

          Mit der Verleihung des diesjährigen Preises der Leipziger Buchmesse hat sich Deutschlandfunk Kultur wenig Arbeit gemacht. Wie dieses Nichts an Zeremonie auf 55 Minuten Sendedauer gestreckt wurde, darüber möchte man lieber schweigen. Und sehr hoffen, dass nie wieder der Sender die Inszenierung dieser Preisvergabe bestimmen darf. Übertragen hat Deutschlandfunk Kultur sie schon immer, aber in der Leipziger Messehalle waren bislang Menschen am Werk, die wussten, was sie tun, was es bedeutet, selbst Ehre einzulegen, wenn man Ehrungen vergibt. Das haben die Nominierten mit ihren Büchern auch verdient. An diesem Donnerstag wurden sie um ihre großen Momente betrogen. Drei Gewinner, aber fünfzehn Verlierer.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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